Pflanzen neu entdecken – Rediscovering Plants

Unterlagen der Pressekonferenz zur Lancierung der Rheinauer Thesen

vom 6. September 2008


„Rheinauer Thesen zu Rechten von Pflanzen“ – Zusammenfassung

Die “Rheinauer Thesen zu Rechten von Pflanzen“ sind ein Versuch, Pflanzen mit mehr Respekt zu begegnen, sie in ihrem Eigensein zu respektieren und nach Grenzen gegen deren Instrumentalisierung zu suchen.

Während der zweijährigen Diskussion um die Rheinauer Thesen versuchten die AutorInnen, sich der Pflanze von verschiedenen Seiten her anzunähern. Aus dem neu entstandenen Bild der Pflanze heraus legten sie Grenzen fest und formulierten Thesen für unser Verhalten gegenüber Pflanzen.

Die Thesen verweisen auf die gemeinsame Herkunft aller Lebewesen, die sich aus den zahlreichen Gemeinsamkeiten zwischen Pflanzen, Tieren und Menschen auf der Ebene der Zelle ableiten lässt.

Neueste Forschungen belegen, dass Pflanzen über verblüffende Fähigkeiten verfügen und auf vielfältige Weise mit ihrer Umwelt interagieren und kommunizieren. Sie haben ein Immunsystem. Ihre Wurzeln können zwischen Selbst und Nicht-Selbst. unterscheiden. Vielleicht sind Pflanzen sogar empfindungsfähig.

Pflanzen sind weder Automaten noch langsame oder niedere Tiere, sondern eine eigene Lebensform. Sie verfügen über eine Art von Selbst und erleben die Welt auf ihre eigene Weise, die uns nur schwer zugänglich ist. Unser Wissen über sie ist beschränkt.

Das Wesen der Pflanze lässt sich naturwissenschaftlich nicht vollständig erfassen – es gibt erkenntnistheoretische Grenzen. Nur wenn der Mensch sich auf das eigenständige Sein der Pflanzen einlässt, entwickelt er Fähigkeiten, Pflanzen neu zu verstehen. Dies aber erfordert, für wissenschaftliche, philosophische, emotionale, ästhetische, intuitive, religiöse und andere Wissenszugänge offen zu sein.

Anspruchsrechte

Mit der Formulierung von Anspruchsrechten für Pflanzen betreten die Autorinnen und Autoren Neuland. Aus diesen Rechten folgt jedoch nicht, dass Pflanzen nicht mehr gegessen oder in anderer Weise verwendet werden dürfen. So wenig wie die den Tieren zugestandenen Rechte bedeuten, sie grundsätzlich aus dem Ernährungskreislauf auszuschliessen.

Pflanzen sollen ein Recht auf Fortpflanzung und auf Eigenständigkeit haben. Dazu kommen Rechte auf das Überleben der eigenen Art, auf der Erhaltung der genetischen Vielfalt, auf respektvolle Forschung und auf den Verzicht, Pflanzen zu patentieren.

Natürlich ist es schwierig, herauszufinden, wo Grenzen in unserem Handeln mit Pflanzen überschritten werden. Pflanzen können sich an sehr viele Manipulationen anpassen, ohne dass sie ein Zeichen geben, wo solche Grenzen sind.

Bei dieser Frage konnten die Autorinnen und Autoren dabei jedoch auf die Entwicklung bei Nutztieren zurückgreifen: Erst aus der Beobachtung von frei lebenden Tieren ergaben sich Hinweise auf „artgerechtes“ Verhalten (z.B. Freilauf für Kühe). Daraus fussen die heute geltenden gesetzlichen Regelungen zur Tierhaltunggesetze.

Wie Tiere zeigen Pflanzen unter Laborbedingungen ein anderes Verhalten als in der freien Natur. Wie komplex pflanzliches Verhalten sein kann, wurde erst entdeckt, als die Forschenden ihren Arbeitsplatz vom Labor in die Natur verlegten. Diese Forschung könnte uns ebenfalls Indizien für Pflanzen-Rechte liefern.

Wenn Pflanzen – wie Tiere – als eigenständige Lebensform wahrgenommen werden, ergeben sich daraus gewisse Regeln für den Umgang mit ihnen.

Regeln und Grenzen sind nicht nur für die Pflanzen wichtig, sondern auch für uns selber. Wir verstehen und definieren unsere Existenz wesentlich über unsere Beziehungen zu andern Menschen, zu Tieren und Pflanzen, ja über unsere Umwelt schlechthin.



Einige philosophische Aspekte der Rheinauer-Thesen

Beat Sitter-Liver, Rheinau, 6. September 2008 beat@sitter-liver.ch, «1001Gemüse&Co»

Die Rheinauer-Thesen fussen auf einer klaren philosophisch-ethischen Grundhaltung: Alles, was lebt, soll nicht vorweg auf seinen Nutzen für die Menschen betrachtet und bewertet werden. Zunächst soll es darauf hin untersucht und verstanden werden, was es von sich aus und für sich selber ist.

Diese Haltung schliesst nicht aus, dass wir Lebewesen, hier Pflanzen, zu unserem Nutzen und Gewinn verwenden; wohl aber steht dieser Zugriff nicht im Vordergrund, unsere Grundhaltung ist nicht utilitaristisch.

Sie zielt vielmehr darauf, allen Wesen, mit denen wir unsere Welt teilen, gerecht zu werden: Sie will Fairness verwirklichen.

Die Verankerung in einer religiösen Lehre ist dazu nicht erforderlich. Insbesondere bedarf es keiner schöpfungstheologischen Argumentation. Die Thesen als philosophische, dem Anspruch nach universal zu begründende, sind dem methodischen Atheismus verpflichtet.

Für den einzelnen Menschen, der sich letztlich in einem existenziellen Entschluss eine Grundhaltung zu eigen macht, schliesst dies eine andere Verankerung nicht aus. Nur darf er sich im philosophischen Diskurs nicht auf sie beziehen.

Dieser Diskurs bewegt sich nicht im luftleeren Raum. Er hält sich an Einsichten, die auf verschiedenen Wegen Erfassen und Verstehen von Pflanzen vermitteln, so besonders die Resultate naturwissenschaftlicher Forschung. Für die Rheinauer-Thesen ist dies kennzeichnend. Sie stützen sich auf die "modernen Konzepte der Biologie". Danach sind Pflanzen Wesen, denen es in ihrem Dasein um dieses selbst geht – nicht anders als Tiere und Menschen.

Pflanzen haben ein eigenes Gutes, das wir als vernünftige Wesen erfassen können, das hingegen in seiner Existenz nicht ursächlich von uns Menschen abhängt. Wir nennen diesen Wert, den erst wir zur Sprache bringen, Eigenwert.

Seit je leitet uns als moralische Wesen der ethische Grundsatz der Gleichbewertung und Gleichbehandlung von Gleichem – immer ist mitgedacht: soweit es nicht verschieden ist. (Das Recht der Gleichbehandlung schliesst stets das Recht auf Ungleichbehandlung ein, soweit Differenzen vorliegen.)

Gerade biologische Erkenntnisse machen verständlich, warum es nicht angemessen ist, Pflanzen bloss als Sachen anzusehen, mit denen man, auf eigenen Nutzen und Gewinn bedacht, nach Belieben umspringen darf. Umsicht, Rücksicht, Achtung und Fairness sind uns geboten, sofern wir beanspruchen, als moralische Wesen zu gelten.

Wir können uns diese ethische Forderung einprägen und immer neu in Erinnerung rufen, indem wir von der Würde der Pflanze sprechen.

Das heisst freilich nicht, dass wir Pflanzen nicht verwenden und gar vernutzen dürfen. Pflanzen sind für uns als Grundlage der Ernährungskette und als Lieferanten lebensnotweniger Stoffe unentbehrlich. Sie sind für uns da, damit wir sie verzehren und vielfältig verarbeiten können.

Dies freilich nie ohne vernünftige Grenzen.

Das führt uns in Schwierigkeiten. Doch neu ist dies nicht. Moralität, auf das sittlich Gute gerichtet, schafft Spannungen. Sie steht dem entgegen, was wir das Böse nennen, das wir verwerfen sollen. Unsere Menschenwürde bewähren und bewahren wir eben darin, dass wir dieser Herausforderung nachkommen, dass wir sie, die uns nicht selten in ein Dilemma stürzt, bewältigen.

Albert Schweitzer hat das oft genug hervorgehoben, exemplarisch mit jenem Passus, den heute spöttisch und vermeintlich kritisch zitiert, wer seiner existenziellen Tiefe nicht nachgesonnen hat:

«Was sagt die Ehrfurcht vor dem Leben über die Beziehungen zwischen Mensch und Kreatur?

Wo ich irgendwelches Leben schädige, muss ich mir darüber klar sein, ob es notwendig ist. Über das Unvermeidliche darf ich nicht hinausgehen, auch nicht in scheinbar Unbedeutendem. Der Landmann, der auf seiner Wiese tausend Blumen zur Nahrung für seine Kühe hingemäht hat, soll sich hüten, auf dem Heimweg in geistlosem Zeitvertreib eine Blume am Rande der Landstrasse zu köpfen, denn damit vergeht er sich an Leben, ohne unter der Gewalt der Notwendigkeit zu stehen.»

(Albert Schweitzer, Kultur und Ethik. München: Verlag C. H. Beck 1990, Nachdruck 1996, 340. Vgl. GS Bd. 2, 388.)

(Dass Schweitzer hier bloss ein Beispiel gibt für eine weit umfassendere, bedeutungsreiche und anspruchsvoll Ethik, die nicht selten zu wenig verstanden, aber zitiert wird, steht auf einem anderen Blatt. Vgl. Beat Sitter-Liver, "Ehrfurcht vor dem Leben" heisst sich auf die Welt im Ganzen beziehen, in: Michael Hauskeller (Hrsg.): Ethik des Lebens. Albert Schweitzer als Philosoph. Die Graue Edition, Kusterdingen 2006, 237-258.)



Pflanzen neu entdecken : Rheinauer Thesen zu Rechten von Pflanzen

Einführungsreferat von Günter Altner, Theologe und Biologe, am Workshop „Pflanzen neu entdecken“, Planet Diversity Kongress in Bonn, Mai 2008

Ich beziehe mich in meinen Ausführungen auf die These 21: “ Welche Beziehungen wir mit Pflanzen eingehen, hat Bedeutung für unsere eigene Lebensweise. Wie wir mit Pflanzen umgehen, reflektiert unseren Umgang mit andern Lebewesen und mit uns selbst. Der Wert, den wir Pflanzen zuweisen, hängt mit unserm Selbstentwurf zusammen.“

Die Beantwortung der Frage, was die Pflanzen für uns bedeuten, hängt davon ab, von welchem Selbstverständnis her die Begegnung mit Pflanzen stattfindet, ob wir uns unter dem Vorzeichen einer Religion nähern oder unter dem Vorzeichen der Philosophie oder der Wissenschaft oder der Kunst, wie dies in These 27 formuliert wird. Die Frage, die sich stellt, ist: Berühren sich diese verschiedenen Sichtweisen, überschneiden sie sich oder gibt es da so etwas wie eine Gemeinsamkeit, die bei der Auseinandersetzung mit der Molekulargenetik und Gentechnik in die öffentliche Diskussion gebracht werden könnte. Die Visionen und die gefühlsmässigen Annäherungen an Pflanzen sind in der Tat sehr verschieden. Ich will mit vier Beispielen zeigen, wie schwierig es ist, zu einer gemeinsamen Sicht zu kommen.

Zuerst möchte ich unterstreichen: In unserer Sprache spiegelt sich ganz allgemein das, was eine Pflanze ist, oder das, was wir an den Pflanzen als ähnlich oder verwandt oder fremd empfinden. Sprache ist korrelativ. Es gibt keine Beschreibung und Charakterisierung der Pflanzen an und für sich. Sie ist immer von unserer Empfindung und von unserem Verständnis geprägt. In unserer Sprache geht immer etwas vom Wesen der Dinge (belebt und unbelebt) ein. Die Sprache der Dinge verbindet sich mit unserer Sprache.

Als erstes Beispiel bringe ich den Zenmeister Taikaro Suzuki zu Wort, der sagt: „Die Blume kennen heisst, zur Blume werden, die Blume sein, als Blume blühen und sich an Sonne und Regen erfreuen. Wenn ich das tue, dann spricht die Pflanze zu mir und ich kenne ihre Geheimnisse, ihre Freuden, ihre Leiden, das heisst ihr ganzes Leben, welches in ihr pulsiert.“ Er schliesst daraus: „dann kenne ich mein eigenes Ich. Indem ich die Pflanze kenne, erkenne ich mich selbst. Wenn ich die Pflanze verliere, verliere ich auch mein eigenes Selbst so wie ich das der Pflanze verloren habe.“ Das ist auf den ersten Blick nichts für die praktische Anwendung. Man muss jetzt darüber reden, was der Zen-Meister von der Blume erfahren hat, was er von sich erfahren hat. Im Grunde genommen führt das zur Psychoanalyse. Die Pflanze wird zum Medium meiner Selbsterfahrung.

Als zweites Beispiel wähle ich Albert Schweitzer und sein Gebot zur Ehrfurcht vor dem Leben. Er formuliert dieses Gebot mit einem Satz, der ganz einfach erscheint: „ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Da ist kein ‚du sollst’, und ‚du musst’, sondern ein zweigipfliger indikativischer Satz. Albert Schweitzer hat dies Gebot in Konfrontation gegen René Descartes und seinem Erkenntnisdualismus, der den Mensch ins Gegenüber zur Natur stellt, propagiert. Wenn man sich fragt, was da bei Albert Schweitzer passiert ist, könnte man sagen, das Leben wird als geschenkt erfahren und diese Berührung öffnet den Menschen hin zu Mitmenschen und Mitkreatur in der Gestalt von Miterleben, Mitleiden und Teilhabe. Schweitzer geht davon aus, dass alles Leben ohne Unterschied einen Wert hat, der sich bei dieser Erfahrung eröffnet. Was das dann für die Praxis heisst, hat er so formuliert: „In keiner Weise erlaubt die Ehrfurcht vor dem Leben dem Einzelnen, das Interesse an der Welt aufzugeben, also sich in sich zurückzuziehen; die Ehrfurcht zwingt ihn, mit allem Leben um ihn herum beschäftigt zu sein und sich verantwortlich zu fühlen. Die Beschäftigung mit dem Leben läuft darauf hinaus, dass wir seine Existenz als solche erhalten, fördern und auf seinen höchsten Wert bringen.“ Das ist schon mehr Anleitung als bei Suzuki; es gestattet auch Veränderung und Züchtung. Auf jeden Fall ist die Pflanze „Mitleben“, das unsere ganze Achtung erfordert.

Ein dritter Entwurf ist die Methode der „Mitwissenschaft“, sowie sie der Philosoph Klaus Michael Meyer-Abich entwickelt hat. Die Mitwissenschaft fragt nicht nach den objektiven Seiten der Natur, sondern nur danach, wie wir mit ihr und ob sie mit uns zusammen ist und sich wechselseitig beeinflusst. Mit den Worten von Meyer-Abich: „dass Tiere, Pflanzen und die Elemente nicht nur unsere natürliche Mitwelt sind, sondern umgekehrt auch wir zu den natürlichen Mitleben der Dinge und Lebewesen gehören.“ Hier dominiert ein korrelativer Erkenntnisvollzug, der über die Objektivität der Dinge hinausführt. Da werden wir viel über die Pflanzen und über uns erfahren.

Der vierte Entwurf stammt von Viktor von Weizsäcker, Mediziner und Begründer der psychosomatischen Medizin: „ Leben erforschen heisst sich am Leben beteiligen.“ Viktor von Weizsäcker postulierte, dass der Patient nicht das Objekt des Arztes ist, sondern dass Arzt und Patient einen Menschen bilden, Bipole voneinander sind. Viktor von Weizsäcker vertrat die Meinung, dass die Konzentration auf die objektive Sicht des Lebens eine Zwangsneurose sei, eine pathogene Verdrängung des Eros im Verhältnis von Mensch und Mensch und Mensch und Natur. Also bedarf es doch der psychoanalytischen Aufklärung des auf Objektivität fixierten Erkenntnisneurotikers. Das tut auch den Pflanzen gut.

Ich fasse zusammen :

Es ist gar keine Frage: Jeder dieser vier verschiedenen Einfühlungs- oder Erkenntniswege lässt die Pflanze verschieden erscheinen. Es erscheint mir für die zukünftige Diskussion wichtig, dass wir diese verschiedenen Paradigmen oder Muster mit den Folgen, wie Pflanzen erscheinen, sorgfältig auf die Frage hin abtasten, ob wir in der öffentlichen Auseinandersetzung etwas Gemeinsames sagen können, von der Religion bis zur alternativen Wissenschaft. Es wird zum Beispiel schwierig, mit einem „normalen“ Biologen, dem wir gerade eine Zwangsneurose unterstellt haben, ins Gespräch zu kommen.

In den „Rheinauer Thesen zu Rechten von Pflanzen“ ist dieser Kompromiss gut zu spüren; ein Kompromiss, der zwischen den Elementen der offiziellen Biologie, die man hinüber nehmen könnte und den Elementen, die sich aus dem Kontext des gerade Vorgestellten ergeben, hin und her schwingt. Ein sehr guter Anfang. Aber da wird sehr vieles weiter zu klären sein. Auf jeden Fall sind die Pflanzen in ihrer relativen Menschenferne eine unumgängliche Herausforderung, unsere Naturnähe zu prüfen und in dialogische Sprachmuster zu überführen.