Pressestimmen zum Buch von Florianne Koechlin

„Zellgeflüster“. Streifzüge durch wissenschaftliches Neuland

Lenos Verlag.
256 Seiten mit zahlreichen Fotos, gebunden, mit Schutzumschlag
Fr. 36.-- / ISBN 3 85787 368 X


DIE ZEIT 09.02.2006 Nr.7

Die geschundene Kreatur

Auch Grünzeug hat Würde. Worin sie besteht und wie man sie vor Übergriffen schützen kann, darüber macht sich die Schweizer Biologin Florianne Koechlin Gedanken

DIE ZEIT: Wie kam es dazu, dass sich die Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Außerhumanbereich jetzt mit der Würde von Roggen oder Gummibaum befasst?

Florianne Koechlin: In unserer Verfassung in der Schweiz steht seit 1992, dass der Bund der Würde der Kreatur Rechnung zu tragen habe. Dieser Artikel wurde 2002 in dem Gesetz konkretisiert, das gentechnische Veränderungen regelt. Im vergangenen Jahr kam dann die Bundesverwaltung auf uns zu und fragte: Liebe Leute, was heißt das jetzt? Wie können wir denn verhindern, dass die Würde der Pflanze missachtet wird?

Es fängt schon mit der Definition an: Was bedeutet Würde?

Wir haben uns bei dem schwierigen Begriff an die Humanethik angelehnt und gesagt: Jedes Lebewesen, dem man Würde zugesteht, hat einen Wert an sich, losgelöst von menschlichen Interessen oder einem Zweck.

Pflanzen werden vom Menschen laufend verzweckt. Am folgenreichsten, indem er sie isst.

Natürlich kann man Pflanzen nicht in gleicher Weise respektieren wie Menschen. Da macht man ja schon gegenüber Tieren Unterschiede. Nach dem Wesen der Pflanze suchen wir erst, und das ist hoch spannend.

Wie gehen Sie vor?

Als ersten Schritt haben wir eine Literaturstudie an der Uni Basel in Auftrag gegeben, um zu klären, wie viel die moderne Biologie heute weiß. Sind Pflanzen eher den Robotern ähnlich oder eher den Tieren, die flexibel reagieren können? Der neueren Forschung zufolge stellen sich Pflanzen nicht nur auf Lichtveränderungen und Temperaturwechsel ein, sondern auf mindestens 17 Umweltvariablen, die sie quasi messen und mit internen Variablen verrechnen können. Dann kreieren sie eine Reaktion, indem sie zum Beispiel ihr Wachstum ändern oder die Anzahl der Blätter. Pflanzen kommunizieren auch mit anderen Pflanzen oder sogar mit Insekten.

Pflanzen können reden?

Tomatenpflanzen beispielsweise produzieren Abwehrstoffe, um sich gegen Raupen zu wehren. Gleichzeitig sondern sie Duftstoffe ab, mit denen sie die Nachbarinnen warnen: Achtung, da kommt ein Raupenangriff, bereitet euch vor!

Das spricht noch nicht gegen die Robotertheorie. Diese schlichten Umgangsformen dürften in den Genen liegen.

Es gibt auch Untersuchungen, die zeigen, dass Pflanzen für verschiedene Insekten unterschiedliche Duftstoffe verwenden. Tabak lockt bei einem Raupenangriff mit einem Duft parasitierende Wespen herbei, die nur tagsüber jagen; nachts vertreibt er mit einem anderen Geruch die Motten. Das sind übrigens alles Forschungsergebnisse, die man sehr gut in der Landwirtschaft nutzen könnte, indem man solche Abwehrstrategien gezielt stimuliert.

Kann die flexible response nicht genauso als Austattung für die lokalen Standortbedingungen programmiert sein? Sobald dann aber eine neue Krankheit, ein neuer Schädling eingeschleppt wird, haut es dieselbe Pflanze um.

Und doch gibt es Indizien dafür, dass Pflanzen lernen können. Ein Beispiel ist ein wilder Tabak in der Great−Basin−Wüste in Utah, USA. Eigenartigerweise keimt er erst nach einem Flächenbrand. Das passiert manchmal nur alle hundert Jahre. Dieser Tabak muss ja neue Antworten auf neue Umweltbedingungen und neue Feinde finden, das heißt, er muss über ein großes Arsenal an flexiblen Möglichkeiten verfügen.

Setzt Lernen nicht Absichten, ein Bewusstsein voraus?

Darüber lässt sich philosophisch streiten, doch streng wissenschaftlich können wir darauf nicht antworten. Ebenso wenig können wir sagen, dass Pflanzen kein Bewusstsein haben. Noch vor fünfzig Jahren hätte kein Wissenschaftler einem Menschenaffen Bewusstsein zugesprochen. Heute ist das anders. In den letzten zehn, zwanzig Jahren hat es, vor allem mit Hilfe der Molekularbiologie, ungeheuer viele neue Einsichten über Pflanzen gegeben, die weit über das mechanistische Gen−Dogma hinausgehen. Man fand, dass es auf der Zellebene zwischen Pflanzen und Tieren verblüffende Übereinstimmungen gibt. Pflanzen verfügen nicht nur über Kommunikationssysteme, für den internen Gebrauch wie für den Austausch mit der Außenwelt, sondern auch über eine Art Immunsystem. Und sie können in den Zellen   genauer den Zellmembranen   Tausende von Signalen verrechnen. Dort passiert Veränderung. Mit einer Metapher könnte man sagen, dass die Zellmembranen das Gehirn der Pflanzen sind.

Mehr als eine Metapher ist es aber auch nicht   ähnlich wie Ihre Beschreibungen, dass sich eine Pflanze wehrt oder die Nachbarn warnt.

Mich fasziniert gerade unsere Sprachlosigkeit angesichts der neuen Erkenntnisse. Auch Lernen oder Intelligenz sind ja bloß Hilfsbegriffe.

Oder der Satz »Ein Baum hat eine individuelle Ausstrahlung.« Er steht in Ihrem Buch Zellgeflüster als Indiz für Würde. Das ist doch hochgradig subjektiv. Ausstrahlung entsteht laut Wahrnehmungstheorie vor allem »im Auge des Betrachter«.

Der Anthropozentrismus ist in der Biologie natürlich besonders verschrien. Aber es bleibt uns doch gar keine andere Möglichkeit, als von uns selbst ausgehend zu beschreiben. Und wenn ich am Forschungsinstitut für biologischen Landbau rede, wo die Wissenschaftler Kategorien wie Würde bei der Pflanze eher skeptisch gegenüberstehen, dann sagt auch dort der Weinbauexperte aufgrund seiner Beobachtung, dass jeder Rebstock eine andere Geschichte hat als sein Nachbar. Eine Individualität.

Worauf müsste man denn im Umgang mit Pflanzen achten, um ihre Würde nicht zu verletzen?

Wir stecken ja noch mitten in der Diskussion. Als zweiten Schritt wollen wir uns Kriterien für die Grenzen der Würde erarbeiten, anhand von Fallbeispielen wie einer genmanipulierten blauen Rose oder der Terminatortechnologie für Saatgut, das unfruchtbare Pflanzen hervorbringt. Mit dem Eingriff in die Fortpflanzungsfähigkeit beispielsweise sehe ich persönlich einen fragwürdigen Eingriff in die Eigenständigkeit der Pflanze.

Greift man in deren Eigenständigkeit nicht auch ein, wenn man sie schneidet, trimmt oder pfropft?

Nein. Einer Katze dürfen Sie kein Bein ausreißen, aber Pflanzen haben einen ganz anderen Entwicklungsplan. Sie wachsen modulär, das heißt, sie setzen ständig neue Teile an, weil sie ihre Ressourcen weit verteilt im Raum suchen müssen, in Luft und Boden. Sie können sich erneuern, darum kann man sie abbrechen.

Schildern Sie uns noch einen weiteren Fall für Verletzung der Pflanzenwürde?

Nach meiner Meinung sollten Pflanzen nicht in gleicher Weise wie Chemikalien patentiert werden dürfen. Die Patentierung ist ein Ausdruck dafür, wie Lebewesen verdinglicht werden.

Sieht das die ganze Kommission so?

Wir diskutieren noch. Doch bei diesem Punkt werde ich wohl in der Minderheit bleiben. In der Kommission sitzen Naturwissenschaftler verschiedener »Schulen«.

Sprechen Sie mit Ihren Balkonpflanzen?

Manchmal schon. Aber dass man mit ihnen reden, ihnen zuhören kann, sagen bisher nur Schamanen   die ja oft ein ungeheures Wissen über Pflanzen haben. In unserem Wissenschaftssystem dagegen habe ich bisher keinen Beleg dafür gefunden, dass ihnen Ansprache gut tut.


Die Fragen stellte Christiane Grefe

Florianne Koechlin ist Biologin, Gentechnikkritikerin und Mitglied der Eidgenössischen Ethikkommission für Biotechnologie im außerhumanen Bereich. Soeben erschien ihr Buch »Zellgeflüster   Streifzüge durch wissenschaftliches Neuland«


BaZ, 20.9.2005

Sie sucht nach der Würde der Pflanzen

Gentech-Kritikerin Florianne Koechlin geht neue Wege

TIMM EUGSTER

Seit zwanzig Jahren warnt Florianne Koechlin (57) vor der Gentechnologie. Oft haben ihre Gegner gesiegt – mit grossen Visionen. Jetzt überrascht auch Koechlin mit einem Buch, in dem sie ein «völlig neues Weltbild» vertritt: Pflanzen kommunizieren, lernen, erinnern sich, sind vielleicht gar intelligent.

Der Fotograf hat ein Problem. Er möchte Florianne Koechlin neben einem Strauch abbilden – doch da ist ein Zweig im Weg. Darf man Pflanzen abreissen vor den Augen einer Frau, die überzeugt ist, dass Pflanzen kommunizieren, lernen oder gar intelligent sind? Und danüt Tieren viel verwandter, als die Wissenschaft bisher geglaubt hat? Florianne Koechlin bemerkt das Zaudern des Fotografen – und ruft ihm belustigt zu: «Nur zu!»

GEGESSEN WERDEN. Auch Vegetarier brauchen sich keine Sorgen zu machen über die Ansicht Koechlins, dass Pflanzen Würde haben – ein Standpunkt, den sie auch als Mitglied der «Eidgenössischen Ethikkommission für Biotechnologie im Ausserhumanbereich» in dieser Frage vertritt. Denn: «Vielleicht ist es ja die ethische Aufgabe der Pflanzen, gegessen zu werden», so Koechlin lapidar.

Worum also sonst geht es der Gentech-Kritikerin der ersten Stunde mit ihrem neuen Buch «Zellgeflüster. Streifzüge durch wissenschaftliches Neuland»? Florianne Koechlin führt uns durch das Industriegelände des Münchensteiner Walzwerks. Einst wurde hier Aluminium verarbeitet, jetzt blühen Sonnenblumen zwischen altem Schrott, und überall sind Enthusiasten am Werk: Künstler, Biogärtnerinnen, Beachvolleyballer, Partyveranstalterinnen. Hierhin hat es vor kurzem auch Florianne Koechlin mit ihrem «Blauen-Institut» gezogen. Auch sie ist in Aufbruchstimmung. Den Schock der massiven Ablehnung der «Genschutz-Initiative» im Jahr 1998 hat sie überwunden. Damals war sie krank geworden – und zog Bilanz über die Jahre unermüdlichen Kampfs: «Wir haben immer bloss nein, nein, neingesagt und ständig nur von Risiken und Gefahren gesprochen,während unsere Gegner Visionen hatten und siegten.»

PROVOZIEREN MACHT SPASS. Seither ist auch Florianne Koechlin auf der Suche nach Visionen, nach Gegenentwürfen zur «wissenschaftlichen Mainstream-Vorstellung des letzten Jahrhunderts, wonach Pflanzen Roboter sind, die einfach ihr genetisches Programm abspulen». Das neue Buch erzählt die Geschichte dieser Suche, auf Besuch beim Molekulargenetiker Marcello Buiatti, bei dem Quantenphysiker Hans-Peter Dürr, dem Schamanenkenner Jeremy Narby, der indischen Öko-Aktivistin Vandana Shiva, dem Insektenforscher Hans Herren oder dem Basler Galeristen Ernst Beyeler. Da ist von Pflanzen die Rede, die mit Duftstoffen den Maisschädling Stängelbohrer von den Feldern femhalten – eine Methode, mit der Bauern in Afrika laut Koechlin besser fahren als mit dem gentechnisch veränderten, schädlingsresistenten Bt-Mais der Basler Agrofama Syngenta. Da werden neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Theorien diskutiert, laut denen Pflanzen einander mit Duftstoffen vor Schädlingen «warnen», wie ihre Zellen miteinander «flüstern», wie sie sich Umweltbedingungen flexibel anpassen und aus Erfahrungen «lernen». Und die grosse Frage aufgeworfen, ob Pflanzen deshalb als intelligent anzusehen sind und Würde haben. Wenige Seiten später ist dann vom intuitiven Zugang zu Wissen über die Natur des Schamanen die Rede. – «Werden Sie als Biologin und Chemikerin so ernst genommen, Frau Koechlin?» Wie immer hat sie eine verblüffend einfache Antwort parat: «Haben Sie nicht auch immer die besten Ideen, wenn sie am Kochen oder Spazieren sind?» Schamanen machten nichts anderes, als diese Technik zu perfektionieren – und erreichten damit Bereiche, für welche die klassische Wissenschaft blind sei.

Aber, klar: «Es hat Mut gebraucht. Es ist mein bisher persönlichstes Buch, und es geht weder als reines Sachbuch durch noch als Roman.» Die Gefahr, auch Esoteriker zu begeistern, habe sie in Kauf genommen – auch wenn dies nicht ihre Welt sei. Sie fordere gerne wissenschaftliche Dogmen und Mythen heraus, sagt Koechlin: «Provozieren macht Spass.» Und gleichzeitig ist es ihr wichtig zu betonen, dass ihr Buch «wissenschaftlich nicht leicht zu widerlegen sein dürfte».

VERSÖHNUNG? Provoziert hat die ehemalige Poch-Politikerin, die sich als «stinknormale Achtundsechzigerin» versteht, schon immer. Auch ihre Familie, die einst Mitbesitzerin der Geigy war. Noch ihr Vater Hartmann Koechlin war Abteilungsleiter bei der Ciba-Geigy gewesen, ihr Onkel Samuel Koechlin Geigy-Chef vor der Fusion mit der Ciba. «Es war extrem schwierig. Ein Dialog über politische Fragen mit der Familie war nicht mehr möglich», erinnert sich Florianne Koechlin, «aber mit diesem Problem war ich damals wirklich nicht alleine!» Unterdessen habe sich das Verhältnis «extrem entspannt», erzählt Koechlin – und strahlt. Und auch sonst hat sich vieles verändert. «Ich weiss nicht mehr so genau wie vor 20 Jahren, was richtig ist und was falsch.» So eng das Weltbild der Gentechnologie früher gewesen sei – «es gibt fantastische neue Einsichten, die auch mich begeistem». Mit Interesse verfolgt sie etwa den Aufbau des ETH-Zentrums für Systembiologie in Basel. Versöhnen sich nach den Generationen auch die Weltbilder? So schnell wohl doch nicht: Wenn Pflanzen als lernfähige, vielleicht intelligente Lebewesen eine Würde haben, stützt dies Koechlins alte Forderung: «Pflanzen dürfen nicht patentiert und so zu Maschinen degradiert werden.»


BaZ, 20.9.2005

Geschwätzige Blümchen, redseliges Gemüsebeet

Die Gentech-Kritikerin Florianne Koechlin liest vor, was ihr die Natur zuflüsterte: In ihrem neuen Buch spannt sie den Bogen von den Schamanen bis zur Quantenphysik

KUHSEELE. Die Gentech-Kritikerin Florianne Koechlin gibt sich nicht mehr so dogmatisch wie vor dreissig Jahren, als sie gegen das AKW in Kaiseraugst auf die Barrikaden stieg. Aber kritisch ist sie geblieben. Und neugierig. In ihrem neuen Buch «Zellgeflüster» macht sie sich zusammen mit einem Biobauern auf die Suche nach der Seele der Kuh, gelangt mit einem Schamanenkenner zu neuem Wissen und sucht mit zwei Molekularbiologinnen Interpretationen für das älteste Faszinosum der Weit: unser Leben. Sie stellt die vielfältigen Ausdrucksformen des Lebens dem «naturwissenschaftlichen Fangnetz des 20. Jahrhunderts, der Gentechnologie» gegenüber. Die Wissenschaft versprach Lösungen gegen Hunger und Armut und erklärte das Lebensprogramm vielleicht doch nur scheinbar. Sie lieferte Bruchstücke, ein paar Buchstaben, aber «die machen noch kein Gedicht von Goethe».

TOMATENGEFLÜSTER. Koechlin schildert das Leben in seiner ganzen Poesie: Da raunen die Tomaten einander im Gemüsebeet «vorsicht Schädling!» zu, die Malsblätter laden gefrässige Wespen zu sich ein, wenn sie von Raupen befallen werden – und das alles mittels Duftstoffen. Mit einem Warnparfüm. Es sind komplexe Netzwerke, dank derer jedes Pflänzchen mit den anderen im Austausch steht. Zellen flüstem ununterbrochen mit ihren Nachbarinnen. Florlanne Koechlin ist Biologin in Münchenstein und Mitglied der Eidgenössischen Ethikkommission. In der Gare du Nord liest sie – selbst auch «WoZ»-Autorin – nach einer Einführung von Susan Boos, Redaktionsleiterin der «WoZ», aus ihrem Buch; der Flötist Berhard Batschelet begleitet die wissenschaftlichen Streifzüge durch die Natur. «Zellgeflüster» ist seit September auf dem Markt.


AHA! Rundbrief des Basler Appells gegen Gentechnologie 4/2005

«Gene sind dynamisch und vieldeutig»

Die Pläne, mit Gentechnik die Landwirtschaft umzukrempeln, treffen vor allem in Europa auf heftigen Widerstand. Neben Opposition braucht es aber auch Konzepte, wie die Landwirtschaft der Zukunft aussehen könnte. Das neue Buch von Florianne Koechlin (1948), Biologin und Mitgründerin des Basler Appells gegen Gentechnologie, gibt Anstässe für diese Diskussion.

«Zellgeflüster» heisst dein neues Buch - bist du bei der Esoterik gelandet?

Keineswegs! Die Molekularbiologie ist ja zweifellos eine Disziplin, die mit Esoterik überhaupt nichts am Hut hat. Doch dank ihr fand man heraus: Zellen flüstern und reden ununterbrochen mit Nachbarzellen. Meine Zellen hier im rechten Arm zum Beispiel. Gene sind dynamisch und vieldeutig. Und Pflanzen kommunizieren mit Duftstoffen miteinander...

Wie muss man sich dieses Geplauder denn vorstellen?

Ein Beispiel sind Tomaten: Wird eine Pflanze von Raupen angegriffen, beginnt sie mit der Abwehr der Schädlinge. Doch gleichzeitig sendet sie Duftstoffe aus, welche die Nachbarpflanzen warnen und sie dazu bringen, bereits Abwehrmittel zu produzieren, wenn die Raupen noch gar nicht attackiert haben. Die Duftstoffe kennt man inzwischen, es sind Methyl-Jasmonate, die in Parfums oft verwendet werden.

Das tönt arg vermenschlichend...

Das mag sein. Aber es entspricht den Tatsachen. Ich hab mit vielen Forschern und Wissenschaftlerinnen gesprochen, aus der Molekularbiologie, Botanik, aus Quantenphysik oder Insektenforschung. Dabei hat mich fasziniert, wie gerade die Molekularbiologie das Bild des Lebens in den letzten Jahren vollkommen umgestülpt hat. Leben erscheint als ein Prozess von Kommunikation und Austausch in dynamischen Netzen, auf allen Stufen, von der Pflanze bis zum Gen – das ist doch grossartig!

Und welche Folgen ziehst du für die Landwirtschaft?

Es gibt viel innovativere Strategien als die Agro-Gentechnik, die auch effizienter und nachhaltiger sind. Agro-Gentechnik erscheint mir immer mehr als ein veraltetes Modell aus dem Mechanikzeitalter: Man montiert ein Gen in eine Pflanze und meint, das Problem sei gelöst. Als wären Pflanzen Maschinen und Gene so etwas wie Schrauben. Es funktioniert ja auch meistens nicht.

Trotzdem investieren Syngenta und Konsorten eifrig in die Technologie.

Aber nur, weil sie mit Patenten ihre paar wenigen Gentech-Entwicklungen schützen können und so Kontrolle ausüben. Denn die wissenschaftliche Bilanz nach zwei Jahrzehnten Gentech-Agroforschung ist doch ernüchternd: Kommerziell genutzt werden bloss zwei Formen, die Bt-Pflanzen und die Herbizidresistenz. Und das soll revolutionär sein?


Genschutz-Zeitung, August 05

Streifzüge durch wissenschaftliches Neuland

Von flüsternden Zellen und dynamischen Genen

Christa Dettwiler

 Seit 20 Jahren wehrt sich die Basler Biologin Florianne Koechlin gegen allzu simple Dogmen der Gentechnik. Deren Mythen und falschen Versprechen setzt sie in ihrem neuen Buch ein vielschichtiges Bild des Lebens entgegen, das sich weit von der mechanistischen Utopie des letzten Jahrhunderts entfernt hat.

Im Erzählen springt sie leichtfüssig von indischen Bäuerinnen zu lernfähigen Pflanzen, wechselt vom Wissenschaftlichen ins Anekdotische, schlägt Brücken vom Persönlichen zum Politischen. Dann lacht sie und sagt: „Ich weiss heute längst nicht mehr so genau was richtig ist und falsch wie vor 15 Jahren.“ Diese Freude am Fragen, am Staunen, durchzieht auch ihr neues Buch „Zellgeflüster“, in dem uns Florianne Koechlin an ihrer Reise vom Wissen zum Verstehen teilhaben lässt. Ein Weg, der fort führt von dogmatischen Standpunkten und hinein in die weite Sicht.

Sie reiste nach Indien und nach Afrika, suchte Spuren des grossen Biologen Adolf Portmann in Basel, vertiefte sich in unübliche Formen des Wissens und in die neusten Erkenntnisse der Molekularbiologie. Die „fulminante Energie“ der indischen Aktivistin Vananda Shiva und deren „wunderbar freches Mundwerk“ haben Florianne Koechlin ebenso inspiriert wie die „genialen low tech Methoden“ der kenianischen Bäuerinnen, die Napiergras um ihre Maisfelder säen, das mit seinem Duft einen der schlimmsten Maisschädlinge, den Stängelbohrer, aus den Nahrungspflanzen lockt.

Auf ihrer Weiterreise nimmt uns die bekannten Wissenschafterin und Gentech Kritikerin mit zu einem tieferen Verständnis von Leben: „Betrachtete man Pflanzen früher als Roboter, die einfach ihr genetisches Programm abspulen, weiss man heute, dass sie dauernd miteinander kommunizieren, einander mit Hilfe von Duftstoffen warnen, dass Pflanzen lernen, sich erinnern.“ So sei jeder Gang durch die Natur begleitet von einem ununterbrochenen Gemurmel von Duft- und Botenstoffen, sagt Florianne Koechlin und strahlt beim Gedanken an diese den menschlichen Sinnen verborgenen Welt. Als Mitglied der Eidgenössischen Ethikkommission für -Biotechnologie im Ausserhumanbereich, könne sie heute ganz andere Antworten liefern:. „Das Wissen der modernen Biologie über Pflanzen als sich selbst organisierende Wesen, kehrt ein bislang herrschendes Paradigma einfach um.“ Florianne Koechlin freut das sichtlich.

Bei einem Schamanenkenner findet sie Einsicht in andere Arten, Wissen zu erlangen. Im Gespräch mit einem Quantenphysiker enthüllt sich das neue Weltbild der Physik. Gemeinsam mit einem Biobauern macht sie sich auf die Suche nach der Seele der Kuh und mit zwei befreundeten Molekularbiologinnen nach neuen Interpretationen für ein uraltes Thema: Das Leben.

Die Autorin stellt diese unendlich vielfältigen Ausdrucksformen des Lebens, die es alle noch weiter zu entdecken und enthüllen gibt, „dem naturwissenschaftlichen Fangnetz des 20. Jahrhunderts, der Gentechnologie“ gegenüber. „Einer Technologie, die Lösungen versprach gegen Hunger und Armut und Erklärungen abgab über den Sitz des Lebensprogramms.“ Aber alles, was die Gentechnik liefere, seien Bruchstücke, ein paar Buchstaben „und die machen ganz einfach noch kein Gedicht von Goethe“. „Zellgeflüster“ liefert weit mehr als Bruchstücke. Es ist ein auch für nicht Wissenschaftsbegabte faszinierender Streifzug durch wissenschaftliches Neuland. Ein Land, das durchzogen ist von geheimnisvollen Netzwerken, in dem alles, was lebt, miteinander im Austausch steht.


Tages-Anzeiger Magazin, 27./28. August 2005

Vorabdruck

Wenn Pflanzen fühlen

Soll man mit einer Zimmerpflanze reden? Natürlich, denn sie sind sensibel, lernfähig – und vielleicht sogar intelligent.

Text: Florianne Koechlin

Seit der Aufklärung spricht man Pflanzen die Würde ab und betrachtet sie als lebende Maschinen, die nach einem gleich ablaufenden Programm reagieren. Heute gestehen wir zumindest höheren Tieren zu, dass sie empfindsam und lernfähig sind. Doch Pflanzen?

Pflanzen kommunizieren ständig miteinander. Tomaten zum Beispiel: Werden sie von Raupen angegriffen, beginnen sie sofort mit der Produktion von Abwehrstoffen gegen diese Schädlinge. Darüber hinaus senden sie den Duftstoff Methyl-Jasmonat aus. Dadurch werden benachbarte Tomatenpflanzen gewarnt, und auch sie können mit der Schädlingsabwehr beginnen. Methyl-Jasmonat ist ein in Parfums häufig verwendeter Stoff, und die an der Forschung beteiligten Frauen mussten im Gewächshaus auf Parfum verzichten.

Ein höchst faszinierendes «Kommunikationsdreieck» untersucht Ted Turlings von der Universität Neuchâtel: Wenn eine Raupe eine Maispflanze befällt, kommt bald eine Schlupfwespe angeflogen, legt ihre Eier in die Raupe und tötet sie langsam ab. Warum aber findet die Wespe die Raupe so schnell und zuverlässig? Turlings Gruppe fand heraus, dass die Maispflanze die Wespen mit speziellen Duftstoffen anlockt. „Sie können es selber riechen, es ist ein sehr starker Duft “, sagt Ted Turlings. Doch wie „weiss“ der Mais, dass er von einer Raupe attackiert wird? Durch den Speichel der Raupe. Die Pflanze „schmeckt“ im Raupenspeichel den chemischen Stoff Volicitin und beginnt sofort mit der Produktion bestimmter Duftstoffe. Diese ziehen die Wespenweibchen an, die ihrerseits die Fressraupen langsam abtöten.

„Könnte man sagen, dass die Maispflanze die Wespen um Hilfe ruft?“ frage ich Turlings. „Nein, das sehe ich nicht so. Die Pflanze schreit nicht um Hilfe und die Wespe kommt nicht, um der Pflanze zu helfen, sondern um die Raupe zu parasitieren. Da bin ich vorsichtig, mit so grossen, unpräzisen Worten“.

Weitere Recherchen ergaben, dass Pflanzenkommunikation weit verbreitet ist. Ein Forscher drückt es so aus: Es ist ein ununterbrochenes Gemurmel in der Luft. Immer, überall. Ein Gemurmel via Duftstoffe.

Pflanzen sprechen auch auf Töne an, sie registrieren Licht, Schwerkraft, Temperatur oder Wassergehalt. Sie lernen aus solchen Informationen, indem sie zum Beispiel das Wachstum ändern oder die Anzahl Blätter oder die Dicke des Stengels. Sie erfassen Umweltsignale, leiten sie intern weiter und verrechnen sie. Sie sind fähig, als Antwort darauf ihr Verhalten zu verändern. Pflanzen reagieren also tatsächlich flexibel und vielleicht sogar absichtsvoll.

Anthony Trewavas von der Universität Edinburgh untersucht seit dreissig Jahren das Verhalten von Pflanzen. Er ist überzeugt, dass Pflanzen auch lernen und sich erinnern können. Werden zum Beispiel die Wurzeln einer jungen Pflanze einer niedrigen Salzkonzentration ausgesetzt, dann überlebt die Pflanze später in Salzkonzentrationen, die normalerweise tödlich für sie wären. Die Erfahrung der Wurzel wird auf die ganze Pflanze übertragen und diese erinnert sich Jahre danach noch daran.

Damit nicht genug, Pflanzen können auch vorausplanen. Die Quendelseide Cuscuta, die auch in Europa vorkommt, schmarotzt von anderen Pflanzen und geht dabei sehr wählerisch und berechnend vor. Wenn sie eine potentielle Wirtspflanze mit ihren Saugnäpfchen das erste Mal berührt, dann nur, um zu erkunden, ob und wie ergiebig diese ist. Verläuft die Erkundung negativ, sucht die Quendelseide weiter. Ist das Resultat positiv, windet sie sich um den Wirt, bildet Sprosse, dringt mit diesen in die Pflanze ein und schmarotzt von ihren Nährstoffen und vom Wasser.

Dabei kann die Quendelseide die zu erwartende Ausbeute offensichtlich genau abschätzen. Von ihrer Prognose hängt ab, wie viele Windungen sie um den Wirt legt. Ist die Wirtspflanze gut, bildet sie viele Windungen und Sprosse, um zu den Nährstoffen zu gelangen. Bei einem schlechten Wirt hingegen produziert sie nur einige wenige Windungen, alles andere würde nur eine Energieverschwendung bedeuten. Die Anzahl Windungen, die sie um ihre Wirtspflanze schlingt, reflektiert also den Nährstoffgehalt des Wirtes. Die Quendelseide wägt Aufwand und Ausbeute – und dies ist das erstaunlichste – etwa vier Tage im voraus ab, denn so lange braucht sie, um nach dem ersten Kontakt die Nährstoffquelle zu erreichen.

Trewavas ist überzeugt, dass eine solche vorausschauende Planung ein flexibles Verhalten verlangt. Das setzt Lernfähigkeit und Erinnerungsvermögen voraus. Und, so fügt er an, es erfordere Intelligenz. Er bezieht sich dabei den Intelligenzbegriff des neuseeländischen Psychologen und Philosophen David Stenhouse, der intelligentes Verhalten bei Tieren als «adaptives und variables Verhalten während der Lebenszeit eines Individuums» definierte. Genau dies lässt sich bei Pflanzen beobachten: Pflanzen sind adaptiv, sie können ihr Verhalten ändern. Sie versuchen ihre Fitness zu maximieren – in einer Umwelt, die sich in stetem Wandel befindet.

 Ob die Tomatenpflanze nun wirklich «kommuniziert» oder die Quendelseide «intelligent» ist, darüber sind die von mir befragten Experten verschiedener Meinung. Alle sind sich aber einig, dass es auf der Ebene der Zelle verblüffende Übereinstimmungen zwischen Tieren und Pflanzen gibt. So stehen alle Zellen – tierische und pflanzliche – ständig miteinander in Verbindung. Sie «flüstern» mit Nachbarzellen und «unterhalten sich» auch über weite Distanzen mit andern Zellen. Blattzellen zum Beispiel, die von Raupenfrass geschädigt werden, «benachrichtigen» die ganze Pflanze – alle Blätter, von zuunterst bis zuoberst – über den Angriff, so dass alle Zellen mit der Abwehr beginnen können. Auch Botschaften wie «Wassermangel» oder «zuviel Schatten» zirkulieren innerhalb der Pflanze, von Zelle zu Zelle.

In den letzten zwanzig Jahren wurde immer deutlicher, dass Pflanzenzellen mit den gleichen Botenstoffen und auf beinahe gleiche Weise miteinander kommunizieren wie Tierzellen. Eine mögliche Erklärung für die grosse Ähnlichkeit auf der zellulären Ebene könnte in der Evolution liegen: Tiere und Pflanzen sind aus erdgeschichtlicher Sicht sehr jung, sie entstanden erst vor rund 500 Millionen Jahren. In den drei Milliarden Jahren zuvor existierten nur einzellige Lebewesen, aber während dieser drei Milliarden Jahre bildeten sich alle elementaren Grundformen der späteren Ernährungs- und Stoffwechselvorgänge von Pflanzen und Tieren heraus.

Natürlich gibt es auch fundamentale Unterschiede zwischen Pflanzen und Tieren. Pflanzen haben kein Gehirn und sie können nicht davonrennen. Das brauchen sie auch nicht. Ihre Ressourcen – Licht, CO2, Nährstoffe im Boden – sind meist diffus und grossflächig verteilt. Sie sind «modulär» aufgebaut. Ihr Wachstum ist gekennzeichnet durch die Wiederholung immer gleicher oder ähnlicher Teile, Blätter zum Beispiel oder Sprossen. Und jedes Blatt sucht individuell nach möglichst viel Licht in einer Umgebung, die in stetem Wandel ist. Pflanzen sind «demokratisch» organisiert; die ganze Pflanze wirkt weniger als Steuerungszentrale, es sind eher die Blätter oder Wurzeln, die Entscheidungen treffen.

Doch auch Pflanzen haben eine Gesamtkoordination. Sie verarbeiten Signale und speichern Erinnerungen. Wahrscheinlich spielen dabei die Zellmembranen – also die Hüllen um die Zellen – eine zentrale Rolle. Dort drängen sich Hunderte von Signalmolekülen dicht aneinander, dort werden Informationen weitergeleitet, verrechnet und koordiniert. Könnte es also sein, dass die Pflanze als Ganzes ein Gehirn ist?

Wir sind beim Verhaltensstudium der Pflanzen erst ganz am Anfang. Zeigen sich auf der Zellebene stupende Ähnlichkeiten mit uns Menschen, so sind die Unterschiede auf den nächsthöheren Ebenen enorm gross. Noch fehlt uns die Sprache, um Pflanzen zu beschreiben. Für mich steht aber fest, dass Pflanzen sensible Lebewesen sind, lernfähig, vielleicht sogar intelligent. Sie sind keine molekularen Maschinen. Sie dürfen nicht patentiert werden wie irgend eine Chemikalie.

Florianne Koechlin ist Biologin in Münchenstein (BL) und Mitglied der Eidgenössischen Ethikkommission für die Gentechnik im Ausserhumanbereich EKAH.
Der hier abgedruckte Text ist ein Auszug aus ihrem neuen Buch
«Zellgeflüster. Streifzüge durch wissenschaftliches Neuland». Lenos Verlag.
256 Seiten mit zahlreichen Fotos, gebunden, mit Schutzumschlag
Fr. 36.00 / ISBN 3 85787 368 X


bz 1.10.2005

«Wir werden nie alles erklären können»

bz-SAMSTAGINTERVIEW / Mit neuen Ansichten nähert sich die Biologin Florianne Koechlin dem Geheimnis des Lebens an.

Von Hannes Hänggi

MÜNCHENSTEIN. Florianne Koechlin machte sich in den 1980er Jahren einen Namen als Kämpferin gegen das Atomkraftwerk Kaiseraugst, sie war Landrätin für «Poch» und war bekannt als resolute Gegnerin der Gentechnologie. Inzwischen hat sich das «Kind der 68er», wie sie sich selbst bezeichnet, etwas gemässigt und sieht in der Gentechnologie nicht nur Schlechtes. Sie fordert die Forscher auf, ganzheitlich zu denken, aber auch die Suche nach der «Weltformel» aufzugeben. «Denn das Leben wird immer ein grosses Geheimnis bleiben.»

bz. Frau Koechlin, was weiss man heute über das Leben?

FLORIANNE KOECHLIN: Wir wissen, dass das Gendogma, nach welchem die Gene alles bestimmen sollen, falsch ist. Das, was wir heute über das Leben wissen, ist etwas radikal anderes. Vorher betrachtete man das Leben nur von aussen, so, als ob man auf eine Schachtel blickt. Heute schaut man plötzlich in die Schachtel und gewinnt völlig neue Erkenntnisse. Man erkennt, dass das Leben auf allen Ebenen kommuniziert und interagiert. Darin sind die Gene zwar wichtig, aber nur ein Teil des Ganzen. Gene sind nicht die Dirigenten des Lebens, sondern sind wie Noten, mit denen das Leben geschrieben wird. Noten sind zwar absolut wichtig für die Musik, aber sie bestimmen sie nicht. Es nützt mir nichts, wenn ich eine Komposition einfach nach den Noten sortiere. Dann habe ich die Symphonie nicht begriffen; wenn ich nur die Gene kenne, habe ich das Leben nicht begriffen.

Können Zellen, wie Sie in Ihrem neuen Buch schreiben, flüstern?

Zellen flüstern miteinander. Dazu gebrauchen sie verschiedene Botenstoffe. Sie können aber auch über weite Strecken Nachrichten versenden, zum Beispiel mit Hormonen. Auch Pflanzen können mit Duftstoffen untereinander kommunizieren. Wenn ich durch meinen Garten spaziere, herrscht ein ständiges Gemurmel mit Duftstoffen. Das erkennt man auch daran, dass gemähtes Gras so wunderbar duftet. Dieser Geruch ist das Zeichen für «Achtung, ich bin verletzt».

Damit wird also die bis anhin sehr technische Diskussion in der Gentechnologie erweitert?

Für mich ist die Gentechnologie, zumindest in der Landwirtschaft, ein Auslaufinodell. Dieses technische Genverpflanzen ist viel zu einfach – nach dem Motto: «Gen rein, Problem gelöst». Das ist nur eine Einzelbetrachtung. Es braucht aber eine viel umfassendere Sicht. Diese hat sich in der Molekularmedizin des Menschen teilweise durchgesetzt.

Humanmedizin ist also fortschrittlicher?

Ja, da gibt es eher eine neue Sicht des Lebens. Diese besagt, dass das Leben nicht von den Genen bestimmt wird, sondern von der Zelle und dass die Selbstorganisation eine Rolle spielt – auf jeder Stufe. Also von den Genen über die Zellen bis zu den Lebewesen.

Eine Verbesserung?

Es gibt schon noch Ströme in der Forschung, die nur das beschränkte Blickfeld erforschen, besonders in der Agrogentechnik. Bei der Humanmedizin gibt es nun Ansätze, die sagen, «es ist komplexer». Es gibt verschiedene Paradigmen, die nebeneinander stehen, etwas in der Schwebe. Wir befinden uns in einer hochspannenden Zeit des Umschwungs.

Das menschliche Genom ist zu über 98 Prozent mit dem des Schimpansen identisch – ein Schock?

Ich derh das um: Wenn wir zu über 98 Prozent genetisch mit dem Schimpansen identisch sind, sagt das doch, dass die Gene keine zentrale Rolle spielen. Wir sind doch nicht nur um ein Prozent verschieden! Die Vernetzung zwischen den Genen, die Interaktionen, laufen demnach bei Mensch und Schimpanse ganz unterschiedlich ab.

Man soll aber trotzdem in der Gentechnologie weiter forschen?

Klar soll man das! Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms war ein Riesenschock. Erwartet hat man 120’000 Gene, gefunden hat man schliesslich nur 25’000. Diese Zahl reicht aber niemals aus, die Komplexizität des Menschen zu erklären. Die Zwischenräume sind also sehr viel wichtiger als die Gene selbst. Aber was die Molekularbiologie sonst erreicht, ist natürlich toll.

Sie sehen also auch Chancen in der Gentechnologie?

In der Medizin gibt es sicher auch Fortschritte dank der Gentechnik, wobei diese auch überbewertet wurden, wenn man sich die Kosten vor Augen hält. Vielleicht wäre man auf anderen Wegen weiter gekommen. Aber bitte.

War die Entschlüsselung des menschlichen Genoms überhaupt eine wichtige Erkenntnis?

Man kam schon weiter mit dieser Erkenntis, auch, dass es nicht einfach das Buch des Lebens ist. Wer will, kann daraus lesen, dass die alten Vorstellungen falsch sind. Das setzt aber ein neues Denken voraus.

Zeichnet sich dieses neue Denken in der Forschung ab?

Spektakuläre neue Forschung wird uns weiterbringen. Aber wir werden nie das Leben wirklich verstehen. Davon bin ich überzeugt. Ich sprach darüber auch mit dem Quantenphysiker Hans-Peter Dürr. Er sagte, dass die grosse Revolution der Quantenphysik darin bestehe, dass sie mathematisch exakt beweisen kann, dass unser Wissen immer relativ sein wird und wir nie alles wissen können. Es gibt also erkenntnistheoretische Grenzen. Es ist ein Fehler der Gentechnologie, dass sie diese Grenzen nicht anerkannt hat und der Meinung war, das Leben erklären zu können.

Gibt es ein Beispiel dafür?

Dürr erzählte eine Parabel: Ein Fischforscher fängt Fische, ftihrt wissenschaftlich Studien durch und stellt fest: Ein Fisch ist grösser als fünf Zentimeter. Dann kommt ein Metaphysiker und sagt: «Halt! Die Netzgrösse beträgt fünf Zentimeter, da geht viel durch.» Aber der Fischforscher erwidert, dass er einen Fisch als grösser als fünf Zentimeter definiert. Denn nur Fische, die grösser als fünf Zentimeter sind, könne er verkaufen. Natürlich haben beide recht, von ihrem Standpunkt aus gesehen. Ich vergleiche jetzt die Welt des Fischforschers mit der Gentechnik. Diese Welt ist präzise und messbar, während die Welt des Metaphysikers immer etwas unbestimmt bleibt. Wir können das Netz in der Forschungswelt nie so dicht machen, dass wir alles auffangen können. Ein Hintergrundflimmern wird immer bestehen bleiben. Das kann die Quantenphysik beweisen. Das finde ich sehr tröstlich.

Rutschen Sie mit solchen Ansichten nicht in die Esoterik-Ecke?

Nein, die Quantenphysik hat mit Esoterik nichts zu tun. Deshalb bestehe ich auf die Quantenphysik und ihre mathematisch exakte Beweisbarkeit. Die Revolution der Quantenphysik ist ja, dass sie sagt, dass unser Wissen relativ ist und dass es erkenntistheoretische Grenzen gibt. Auch mit noch so viel Fortschritt werden wir nie wissen, was das Leben ist und ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Das sagt uns, dass wir nicht alles beherrschen können und es lässt gleichzeitig auch Raum für andere Interpretationen des Lebens, sei es Kunst, sei es Religion. Es gibt also ganz andere Zugänge zum gleichen Thema, einfach jenseits der weiten Netzmaschen. Wenn unsere Wissenschaft behauptet, sie könne einmal alles exakt beweisen, ist das reinster Fundamentalismus.

Ich stelle Ihnen die Gretchenfrage: Wie halten Sie's mit der Religion?

Je mehr Forschung wir betreiben, desto komplexer erscheint das Leben. Pflanzen sind keine Roboter, die immer gleich reagieren, wie man lange Zeit überzeugt war. Heute entdeckt die Molekularbiologie, dass Pflanzen miteinander kommunizieren, dass sie lernen und sich erinnern können. Viele Forscherinnen und Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass eine Vielzahl von Erklärungsansätzen der beste Weg sein könnte, um sich dem Mysterium Leben anzunähern. Religion kann ein Weg davon sein.

Obwohl, um wieder bei Goethe zu bleiben, der Mensch danach strebt, was die Welt im Innersten zusammenhält?

Wir werden wohl nie die Weltformel finden, um das Leben erklären zu können. Es wird immer eine Vielzahl von Erklärungsversuchen geben, die sich auch immer wandeln werden wegen der fortschreitenden Forschung.

Wo das Wissen aufhört, beginnt die Religion. Eine Grenze, die sich mit dem Fortschritt der Forschung immer mehr verschiebt – oder auch vermischt?

Man kann verschiedene Erklärungsansätze wählen. So kann ich eine Brille als Filter aufsetzen und das Leben durch die systembiologische Brille erklären oder durch die Gentechnik-Brille oder durch die religiöse Brille. Das sind alles verschiedene Erklärungsversuche. So beschreibt die Gentechnik eine Daseinsebene sehr gut. Aber der grosse Fehler besteht darin, dass sie diese eine Ebene als das Ganze betrachtete. Dieses Wissen um die Relativität ist enorm wichtig. Es macht uns Menschen auch bescheidenen

Im Wissen um diese Gesamtheit reden Sie in ihrem Buch auch mit Schamanen?

Bei den Schamanen interessierte mich, woher sie ihr unendliches Wissen beziehen. Sie fischen ganz bestimmt mit einem anderen Netz, um zu ihren Erkenntnissen zu gelangen. Mich interessierte nun, mit was für einem Netz sie fischen. Es darf nicht sein, dass wir behaupten, Schamanen seien – im Gegensatz zu uns – unwissenschaftlich. Es ist einfach ein anderes Netz. Wir müsser, diesen Hochmut hinter uns lassen, das al leinige Wissen zu besitzen. Das heisst aber nicht, dass man esoterisch ist.

Weshalb gibt es überhaupt Evolution? Weil sich die Gene verändern?

Sicher gibt es Mutationen, aber unterdessen ringt man sich auch zur Erkenntnis durch, dass die Gene durch die Umwelt beeinflusst werden können. Lange nahm man dieser Theorie des Biologen Jean-Baptiste Lamarck gegenüber eine ablehnende Haltung ein. Zu meiner Schulzeit wurde Lamarck als das Beispiel eines wissenschaftlichen Irrwegs ausgelacht. Unterdessen ist Lamarck teilweise rehabilitiert. Denn heute gibt es genügend Beispiele dafür, dass die Umwelt direkt die Gene eines Lebewesens beeinflussen kann. Diese Aussage wäre vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen.

Aus diesen neuen Erkenntnissen heraus wird auch der Mensch nicht mehr als die Krone der Schöpfung betrachtet?

Nein, es gibt parallele Entwicklungslinien unter sämtlichen Lebewesen. Das finde ich auch sehr tröstlich.

Persönlich
Koechlins neues Buch «Zellgeflüster – Streifzüge durch wissenschaftliches Neuland». Darin sucht die 57-jährige Münchensteinerin nach Alternativen zur Gentechnologie, anerkennt aber auch deren Chancen. Trotzdem bleibt Koechlin kämpferisch: Die von ihr mitgetragene Gentechfrei‑Initiative fordert ein Moratorium für Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen. «Darüber wissen wir noch zu wenig.» (hsh)


20 Minuten, 25.10.2005

Wie intelligent sind eigentlich Pflanzen?

SACHBUCH – Die Gentechnologie dominiert heutzutage die Wissenschaft. In die Gene werden grosse Hoffnungen gesetzt. Es erscheint möglich, mithilfe der Gentechnologie unheilbare Krankheiten zu heilen und Hunger und Armut zu bekämpfen. Aber kann man diesen Versprechungen auch glauben?

Wenn sich ein Schimpanse nur in ganzen zwei Prozent der Gene vom Menschen unterscheidet, kann doch das Gen gar nicht so zentral sein. Vielleicht macht etwas ganz anderes den Unterschied zwischen den Lebewesen aus. Und haben Pflanzen nicht sogar so etwas wie Intelligenz, da sie ja direkt auf die Umwelt reagieren? Zum Beispiel Tomaten, die mit Duftstoffen untereinander gegen Parasitenbefall kommunizieren. Ein japanischer Forscher schreibt sogar dem Schimmel eine gewisse Intelligenz zu. Weshalb also an pflanzlichen Genen rumpfuschen? Wer garantiert denn für die gewünschten Ergebnisse? Kann nicht alles noch Schlimmmer werden?

Die Basler Biologin Florianne Koechlin erzählt von indischen Bäuerinnen, die ihr eigenes Saatgut pflegen und von Wissenschaftlern, die nicht dem Machbarkeitswahn der Gentechnologie verfallen sind. Aber keine Angst vor dem Stoff. Koechlin schreibt gut verständlich und so spannend wie in einem Wissenschaftskrimi. Und sie jammmert nicht herum, sondern versucht neue Ebenen und Ansätze in die Diskussion um die Gentechnologie zu finden.

Wolfgang Bortlik


Deutschlandradio Kultur, 03.11.2005

Verborgene Schätze der Natur

Florianne Koechlin: "Zellgeflüster"
Rezensiert von Susanne Nessler

Seit 20 Jahren warnt Florianne Koechlin vor der Gentechnologie. Die Schweizerin ist Biologin und Mitglied des Schweizer Ethikrats. Jetzt überrascht sie mit ihrem Buch "Zellgeflüster", in dem sie ein neues Weltbild vertritt: Pflanzen kommunizieren, lernen, erinnern sich, sind vielleicht gar intelligent.

Sind Schleimpilze intelligente Wesen? Haben Tiere eine Seele? Können Pflanzen sprechen? Die Schweizer Biologin Florianne Koechlin nimmt den Leser auf einen ungewöhnlichen Streifzug durch die Natur mit. Sie reist nach Afrika, nach Indien, in die Schweiz und beschreibt, wie an verschiedenen Orten dieser Erde Menschen sich mit ihrer Umwelt beschäftigen.

Florianne Koechlin ist Mitglied des nationalen Ethikrats der Schweiz und eine konsequente Gegnerin moderner Gentechnik. Sie hat jahrelang für ein Verbot genmanipulierter Pflanzen gekämpft. Ein kritisches Buch zum Thema Gentechnik also, dass aber nicht pauschal verurteilt. "Ich weiß längst nicht mehr, was heute richtig und falsch ist", schreibt die 57-jährige Koechlin. Mitte der 1990er Jahren setzte sie sich vehement in einer großen Kampagne gegen den Einsatz von Genmanipulation im Saatgut ein. Doch bei einer Volksabstimmung in der Schweiz, sprach sich die Mehrheit der Bevölkerung für den Einsatz von Gentechnik aus. Das hat die engagierte Biologin ziemlich irritiert. Heute ist sie längst nicht mehr so dogmatisch, aber immer noch kritisch.

Zellgeflüster ist auch ein sehr persönliches Buch, das neben der Wissenschaft von den politischen Erfahrungen der Autorin erzählt. Einer Autorin, die sehr neugierig ist, und das wirkt ansteckend.

Koechlin schreibt über ein Treffen indischer Bäuerinnen, beim dem der Leser schon nach wenigen Sätzen das Gefühl hat, mit dabei zu sein. Es geht um die jährliche Kontrolle des heimischen Saatguts. Eine Art traditionelle Agrarmesse in den Bergen Nordindiens, wo heute wieder altes Saatgut gehandelt wird, weil es langfristig bessere Ernten garantiert. Das Thema klingt zunächst nicht zwangsläufig spannend. Doch die Biologin schildert Farben und Lichteffekte der Landschaft, erzählt von den Gerüchen in der Umgebung, beschreibt den Ausdruck der Gesichter, die Bewegungen der Menschen, ihre Kleidung. Man spürt das Leben in seiner ganzen Poesie. Merkt die Begeisterung, die Koechlins bewegt, und folgt ihr gerne auf der Suche nach Fragen und Antworten über das Leben.

Streifzüge durch wissenschaftliches Neuland nennt die Autorin ihre vielen kleinen Geschichten. Wahre Geschichten, in denen sie Wissenschaft als einen Teil des Lebens vermittelt. Keine Fachbegriffe oder komplizierte Formulierungen, sondern spannende Einblicke in Themen wie Bewusstsein, Intelligenz und Kommunikation in der Natur. Da flüstern Tomaten im Gemüsebeet miteinander und Maispflanzen kommunizieren mit Wespen, die sie vom Raupenbefall retten sollen. Über Duftstoffe erzählen sie sich die wichtigsten Neuigkeiten. Überall in der Natur sind komplexe Netzwerke zu finden, schreibt Koechlin, dank derer jedes Pflänzchen, jedes Tier, jeder Mensch mit seiner Umgebung im Austausch steht. Ununterbrochen werden Informationen weitergegeben. Die Natur ist durchzogen von zahlreichen geheimnisvollen Netzwerken.

Wer sie kennt, braucht keine chemische Schädlingsbekämpfung und gentechnisch resistent gezüchtete Pflanzen, sagt Koechlin. Die Kommunikationsfreude der Natur lässt sich zum Beispiel prima im Gemüseanbau nutzen. Man muss nur dafür Sorge tragen, dass die richtigen Gesprächspartner aufeinander treffen. Und dafür sorgen, dass ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Arten besteht.

Koechlin erzählt hier von einem Besuch in Kenia. Sie fährt weite Strecken mit dem Landrover durch die Landschaft. Trifft auf einer Maisplantage einen Forscher, der in einem Forschungsprojekt den Bauern vor Ort hilf, mit Marienkäfern gegen die gefräßigen Schädlinge im Feld vorzugehen.

Die Biologin sucht das Gespräch zu vielen verschiedenen Kollegen in alltäglichen Situationen, so dass der Leser die Wissenschaftler von ihrer persönlichen Seite kennen lernt. Darunter sind auch zahlreiche renommierte Wissenschaftler, wie die stellvertretende Vorsitzende des deutschen Ethikrats Regine Kollek oder der Physiker und Träger des Alternativen Nobelpreises Hans-Peter Dürr. Mit ihnen diskutiert Koechlin über Technikgläubigkeit, fragt nach Alternativen und versucht so, die unterschiedlichen ethischen Standpunkte herauszustellen. Unterhaltsame und zum Teil provozierende Gespräche, bei denen es um Fragen wie "Haben Pflanzen eine Würde?" geht und gleichzeitig Apfelkuchen gegessen wird.

Pflanzen dürfen aber nicht patentiert und zu Maschinen degradiert werden, fordert Florianne Koechlin. Sie will ganz bewusst einen Gegenentwurf zum vorherrschenden Wissenschafts- und Naturverständnis vertreten.

Ein abwechselungsreiches, kritisches und zugleich einfühlsames Buch, das nicht nur den Gegnern der Gentechnik gefallen dürfte. Die ausführlichen Beschreibungen, die spannenden Interviews und der große persönliche Anteil, den Koechlin in ihren Text gepackt hat, zeigen jedem auf eindringliche Weise, welche verborgenen Schätze die Natur uns zu bieten hat.


Das Goetheanum Nr 45.05

Die Kunst des Fragens

Florianne Koechlin: "Zellgeflüster"

Reisen bildet. Einblicke in fremde Landschaften, Kulturen, Gedankenwelten öffnen die Seele und verändern das Verhältnis auch zur eigenen landschaftlichen oder geistigen Heimat. Doch nicht für jede Reise hat man selbst die Möglichkeiten, und so kann man mitunter dankbar die Reiseberichte anderer zur Kenntnis nehmen und an deren Eindrücken teilhaben. Die in Münchenstein bei Basel tätige Biologin Florianne Koechlin hat einen sehr lesenswerten Bericht über ihre eigene jahrelange Reise durch die biologisch-wissenschaftliche Welt veröffentlicht.

Koechlin hat viele Gebiete des biologischen Forschens und Denkens durchstreift, sie ist dafür weit gereist, nach Indien und Afrika, in den Schweizer Jura oder nach Berlin, und hat vor allem Wissenschaftler, aber auch politisch tätige Persönlichkeiten, Landwirte, Künstler und Galeristen befragt. Über diese Gespräche, aber auch über die Menschen selbst, ihre Motive, ihre Biographien berichtet sie auf sehr persönliche, nur manchmal etwas verplauderte Weise in ihrem kürzlich erschienenen Buch <Zellgeflüster>.

Die geistigen Landschaften, die dabei sichtbar werden, sind vielfältig und oftmals überraschend. Der Weg durch diese wird durch Koechlins eigene Fragen gekennzeichnet: Der Ausgangspunkt ist das Erlebnis, daß die Natur, ihre Würde, ihre Integrität durch die moderne Gentechnologie bedroht werden. Die daraus entstehende Frage ist aber: Was konstituiert denn diese Würde, die Integrität der natürlichen Welt? Mit dieser Frage begegnet Florianne Koechlin den verschiedenen Persönlichkeiten und läßt sie im Stile des Gespräches zu Wort kommen, indem sie die Rolle der – mitunter kokett naiven – Fragerin einnimmt, nicht lockerlassend, ehe nicht die Komplexität der verschiedenen Ansätze sichtbar wird.

Den Anfang nimmt ihre Reise in Indien bei der Menschenrechtlerin Vandana Shiva, die sie in dörfliche, weiblich geprägte Gesellschaften führt und bemerken läßt, wie traditionelle, gesellschaftliche Zusammenhänge durch die gentechnische Bedrohung auch erst wieder bewußt und tragfähig werden.

Über den in Afrika tätigen Schweizer Insektenforscher Hans Herren führt sie die Frage, was eine ganzheitliche Naturforschung sein könne, nach Basel auf die Spuren des großen, 1982 verstorbenen Biologen Adolf Portmann. Portmann hat eine stets den ganzen Organismus und seine Entwicklung in den Blick nehmende Morphologie betrieben; gleichzeitig postulierte er immer wieder eine Innerlichkeit in der Natur, ein jedem Lebewesen innewohnendes intimes Geheimnis, das im Grenzbereich wissenschaftlicher Erkenntnismöglichkeit liegt – zu dem eher ein ästhetischer Zugang möglich wird.

Ganzheitliche Sichtweise?

Daß Florianne Koechlin sich dann auf der Suche nach eben dieser Innerlichkeit auf eine Reise in die moderne Zellbiologie macht, ist erstaunlich. Daß sie dabei Innerlichkeit immer stärker mit Intelligenz gleichsetzt und diese Intelligenz dann scheinbar in hormonellen und enzymatischen Vorgängen auf der Ebene der Zellen findet (was den Buch seinen Titel gibt), das weckt Unbehagen, zumindest wenn man es dem Portmannschen, von der Gestalt und dem Verhalten ausgehende Ganzheitsbegriff gegenüberstellt. Koechlin stellt den auch immer wieder die Frag nach dem übergeordneten <Dirigenten> dieser scheinbar intelligenten Zellverbände. De von ihr befragte Ethiker Klaus Peter Rippe kapituliert an dieser Stelle.

Eine Antwort darauf läßt sie sich von Jeremy Narby geben, welcher sich von südamerikischen Schamanen unter dem Einfluß starker Halluzinogene zu den <Müttern> der Pflanzen mitnehmen ließ. Jeremy Narby traf sie am Rande des Ifgene-Workshops <The intrinsic value of the plants> am Goetheanum im Mai 2001, welches ihr im übrigen bei ihrer Suche nach der Würde der Pflanze kein weiteres Wort wert ist. Und das irritiert den anthroposophisch sozialisierten Rezensenten dann doch: Warum führt Florianne Koechlin ihre Leser auf ihrer spannenden Reise nicht auch in das Land des Goetheanismus, der anthroposophischen Phänomenologie, in dem seit Jahrzehnten Zugänge zum Wesenhaften der Natur entwickelt und geübt werden, die insbesondere auf die Frage, was das Eigene der Pflanze denn ausmache, auch wertvolle Beiträge und eine ganze wissenschaftliche Methodik geben könnten? Das Spektrum ihres Buches ist so herrlich breit – warum schweigt sie über diesen Aspekt, der der Münchensteinerin nicht gänzlich unbekannt sein kann? Im Gespräch mit dem biologisch-dynamischen Landwirt Martin Ott kommt eine erlebende und gleichzeitig reflektierte Beziehung zum Tierwesen zwar zur Sprache, werden Begriffe wie Innerlichkeit und Seele aus dem Verhalten der Tiere innerhalb der Herde vorsichtig abgeleitet. Was dahinter steht, bleibt aber ungesagt. Das wirkt, besonders vor dem Hintergrund der großen Weltoffenheit dieses Buches, wie ein absichtsvolles <Auf dem Ohr bin ich taub>.

Im Gespräch mit dem Physiker Hans-Peter Dürr klingen die Revolutionen an, welche die Quantenphysik dem Verständnis von Wissenschaftlichkeit, Objektivität, Wahrheit schon vor Jahrzehnten beschert hat, die aber in die moderne Biologie erst sehr langsam Einzug halten. Das Bedürfnis der Biologie, das Leben zu fixieren, etwa in Genen, gehört in die Zeit vor der Quantentheorie. «Das Lebendige hat nichts mit den Genen zu tun. Das Lebendige ist immer dazwischen», sagt Dürr. Hat Florianne Koechlin auf hren Streifzügen trittsichere Pfade gefunden, um das Lebendige zu verstehen? Eher zeigt sie, daß diese noch in der Zukunft liegen.

<Zellgeflüster> ist kein wissenschaftliches Buch, es ist eine bildungsbürgerlich-didaktische Erzählung über Wissenschaft. Sie deutet vieles nur an und läßt die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Landschaftsbilder nebeneinanderstehen. Das macht ungeduldig. Es fordert aber auch innere Weite und Großzügigkeit. Und diese ist in der heutigen definitionssüchtigen Gesellschaft rar.

Florian Leiber