Florianne Koechlin, (BaZ Forum, 20.1.2000)
Der Bundesrat will dem Parlament keinen Verzicht auf die Freisetzung von gentechnisch veränderten Pflanzen vorschlagen. Es ist zu befürchten, dass er damit die schweizerische Landwirtschaft auf einen Irrweg lenkt und sich eine wertvolle Chance vergibt.
Die Schweizer Landwirtschaft hat gegenüber den billigen EU-Lebensmitteln einen massiven Kostennachteil, der durch milliardenteure Subventionen, Marktbehinderungen und Importsperren aus dem Portemonnaie von uns allen zum Teil ausgeglichen wird. Die Bauern selber versuchen durch massenweisen Umstieg auf IP- und auf Bio-Produktion, durch den Direktverkauf ab Bauernhof oder durch den Aufbau von Regionalmärkten ihre Position bei den Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten zu behaupten. Auch der Gesetzgeber hat durch verschiedene Massnahmen (wie ein vergleichsweise strenges Tierschutzgesetz, das Verbot von Antibiotika als Wachstumsförderer, die Eindämmung von Tierfabriken) seinen Beitrag dazu geleistet, dass Schweizer Landwirtschafts-Produkte einen sehr guten Ruf geniessen.
Demgegenüber häufen sich in der hochindustrialisierten EU-Landwirtschaft die Katastrophenmeldungen (vom Dioxin im Hühnerfutter bis zur BSE-Krise) in einem beängstigenden Tempo, so dass die EU vor kurzem beschloss, eine europäische Lebensmittel-Kontroll-Behörde zu gründen.
Selbst in den USA werden die Leute, die bisher begeistert jede technische Neuerung akzeptiert haben, immer kritischer gegenüber Gentechfood. Alle Umfragen zeigen es überdeutlich: In Europa sind die Meinungen in dieser Frage gemacht. Niemand will Gentechfood. Selbst die Londoner Kantine des Gentech-Giganten Monsanto wird strikt gentechfrei geführt. So kam folgerichtig die Deutsche Bank in einer Studie für Geld-Anleger zum Fazit: "GMOs are dead" (genmanipulierte Lebewesen sind tot).
In diesem Umfeld ist die Schweizer Landwirtschaft in einer guten Position. Wenn sie es bleiben soll, ist allerdings die Bedingung, dass das Label "made in Switzerland" eindeutig und unmissverständlich auch gentechnikfrei bedeutet. Es wäre eine nicht begreifbare Dummheit, wenn Bundesrat und Parlament diese gute Ausgangslage durch Freisetzungen von gentechnisch veränderten Pflanzen verschenken würden.
Manchmal wird argumentiert, es könnten ja gentechnisch veränderte Pflanzungen neben gentechfreien Feldern betrieben werden, so dass die Wahlfreiheit gewährt sei. Doch genmanipulierte Pollen werden mit dem Wind über weite Strecken verweht und können benachbarte Felder kontaminieren. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass Bienen den Gentech-Pollen über vier Kilometer weit transportieren können. Dagegen sind auch Biobetriebe, die gentechfrei bleiben wollen, machtlos. In anderen Studien wurde nachgewisen, dass die Giftstoffe des gentechnisch veränderten Mais überraschend in den Boden gelangen und dort lange Zeit verbleiben können. Welche Bodenlebewesen dadurch geschädigt werden, weiss man nicht. Die grösste britische Supermarktkette Tesco verweigert folgerichtig die Annahme von Gemüse und Früchten von Böden, auf denen einmal Freisetzungen stattgefunden haben, weil sie eine Kontamination des Bodens befürchtet. Es ist eine Illusion zu meinen, man könne über Gentech-Felder eine Glasglocke stülpen, so dass die Umgebung davon nicht beeinflusst wird. Und die modernen Zauberlehrlinge wissen nicht, welche langfristigen Risiken sie mit der Freisetzung von genmanipulierten Pflanzen eingehen.
Wenn die Schweizer Landwirtschaft das Label "gentechnikfrei" als einen den Aufpreis werten Vorteil behalten will, ist ein Freisetzungsverbot für Gentech-Pflanzen Voraussetzung.
Eine wichtige Frage ist nun, ob es sich die Schweizer Landwirtschaft auch längerfristig leisten kann, auf Gentechnik zu verzichten, um mit ihren Problemen fertig zu werden. Dieser Frage sind wir in der Studie "Zukunftsmodell Schweiz eine Landwirtschaft ohne Gentechnik?" nachgegangen. Untersucht wurden die sechs Beispiele Kartoffel, Weizen, Mais, Raps, Salat und Reben. Wir sind von den realen Problemen ausgegangen und haben die Lösungsansätze der Gentechnik mit denjenigen des Biolandbaus verglichen. Der Vergleich hat gezeigt, dass die Gentechnik kaum je die Schlüsselprobleme der Schweizer Landwirtschaft addressiert: Über 70 Prozent aller Freisetzungen sind herbizidresistente Pflanzen, doch die Unkrautproblematik spielt bei den untersuchten Beispielen nur gerade beim Mais eine grosse Rolle (und da gibt es gute biologische Massnahmen). Für weit über 90 Prozent aller realen Probleme (so z.B. der Salatwurzellaus beim Salat, der Graufäule bei Reben, dem Rapsstengelrüssler und andern Rapsschädlingen) gibt es keine gentechnischen Lösungen. Dies ist auch nicht so erstaunlich, denn zu den wirtschaftlichen Gründen kommt hinzu, dass die isolierten technischen Einzellösungen (ein Gen rein und das Problem ist gelöst) meistens zu kurz greifen.
Moderne Bioforschung hingegen bietet bereits heute ein ganzes Bündel innovativer Ansätze und hat gute Antworten auf sehr viele (nicht alle!) der wichtigsten Probleme. An über zwei Dutzend Instituten wird heute in Europa mit modernsten Methoden Bio-Forschung betrieben.
Wie spannend dies sein kann, zeigt das folgende Beispiel: Wenn eine Tomatenpflanze von Raupen angegriffen wird, beginnt sie sofort mit der Produktion von toxischen Abwehrstoffen. Verblüffend ist nun, dass auch alle Pflanzen in der Nachbarschaft das Gleiche tun und ebenfalls Abwehrstoffe produzieren. Die angegriffene Tomate warnt ihre Nachbarn mit einem speziellen Duftstoffgemisch: "Achtung, Raupen sind im Anmarsch!" Die S.O.S. Duftstoffe wurden inzwischen als ein Gemisch von Methyl-Jasmonaten identifiziert. Dieser Stoff kommt auch in Parfums vor; bei den Versuchen im Gewächshaus durften die Frauen kein Parfum verwenden, um die Pflanzen nicht zu verwirren. Moderne Bioforschung will unter anderem mehr über die vielen Arten von Pflanzenkommunikation und die pflanzeneigenen Abwehrkräfte verstehen und diese Erkenntnisse dann intelligent in der Landwirtschaft einsetzen.
Ein Verzicht auf die Freisetzung von Gentech-Pflanzen wäre also auch eine Chance für den Forschungsplatz Schweiz. Die Schweiz könnte hier eine Pionierrolle übernehmen und vermehrt in diese nachhaltige Zukunftsforschung investieren.
Es ist offensichtlich, dass der Bio-Sektor in der Landwirtschaft und auf dem Markt boomt und dass Gentechfood auf dem absteigenden Ast ist. Warum der Bundesrat die Boombranche Bio mit der Erlaubnis von Freisetzungen frontal attackiert und die Absteigerbranche Gentechfood stützen will, ist für mich nicht nachvollziehbar. Er sollte die wegen ihrer unverschuldet hohen Preise enorm unter Druck stehenden Landwirte beim Aufbau eines Labels "Made in Switzerland naturnah und garantiert gentechfrei" unterstützen, ihr Überleben in einem extrem harten EU-Lebensmittelmarkt damit erleichtern und nicht zuletzt uns allen den Zugang zu den Lebensmitteln ermöglichen, die wir wünschen: natürliche, gesunde Lebensmittel ohne Gentechnik. Die Schweiz ist dazu in der einzigartigen Lage, dies mit grösstmöglicher Sicherheit bieten zu können: Im Unterschied zu fast allen Nachbarstaaten gibt es bei uns noch keine einzige Freisetzung von genmanipulierten Pflanzen. Folglich ist auch das Risiko einer unfreiwilligen Kontamination der Nachbarfelder mit Gentech-Pollen minim.
Wir können nur hoffen, dass auch die Bauern ihren Einfluss bei der Beratung der Gen-Lex diesen Sommer gegen Freisetzungen einbringen. Denn auch ihnen muss klar sein, dass eine sich in enormem Tempo weiter verstädternde Schweiz nicht bereit sein wird, ihnen Gentechfood zu den europaweit höchsten Preisen abzukaufen und erst noch Milliarden an Subventionen zu zahlen.
Die Schweizer Landwirtschaft steht vor einer wichtigen Weichenstellung und muss in die richtigen Strategien investieren. Wer vor 12 Jahren Aktien von Herrn Rey statt von Microsoft gekauft hat, bereut das noch heute bitter. In der Schweiz sollten wir in einigen Jahren auf eine richtige Entscheidung zurückblicken können.