Dürfen Gene patentiert werden ?

Florianne Koechlin, BaZ, 25.9.2004

Zwei Gründe sind es, die aus meiner Sicht dagegen sprechen:

1. Genpatente sind ökonomisch und forschungspolitisch fragwürdig

Wenn nun auch Gene patentiert werden sollen, kommt das einseitig industriellen Interessen entgegen, läuft aber in vielen Fällen frontal gegen die Interessen der Forschenden. Diese sehen sich zunehmend einem schier unübersehbaren Netz von Lizenzforderungen gegenübergestellt. Patente garantieren zudem ein „ausschliessliches“ Verwertungsrecht, im wörtlichen Sinn. Ein Beispiel: Die US-Firma Myriad besitzt ein Patent auf das sog. „Brustkrebs- Gen“. Sie will weltweit die Einzige sein, die Brustkrebs-Tests anbietet und „schliesst“ alle andern von der Forschung und Entwicklung auf diesem Gebiet „aus“. Die Preise für Gentests schnellen in die Höhe. Das hat viele Forschende, viele Ärzte- und Patentientenverbände empört. Sie haben gegen das Patent Einspruch eingelegt (z.B. das renommierte französische Institut Marie Curie). Sie alle befürchten, dass mit solchen Gen-Patenten riesige Forschungsfelder besetzt und für andere blockiert werden. Und das Wissenschaftsjournal New Scientist fragt besorgt: Ist es klug, wenn zukünftig die Behandlung wichtiger Volkskrankheiten mehr und mehr von einer einzigen Firma monopolisiert wird, dank solcher Patente? Das französische Parlament hat sich aus diesem Grund klar gegen die Patentierung von Genen ausgesprochen.

Besonders unerträglich finde ich, dass die Firma Myriad mit diesem Patent auch Monopolrechte auf alle Anwendungen hat, die heute noch gar nicht bekannt sind. Sollten später andere Forscher herausfinden, dass das Gen auch bei Dickdarm- oder Prostatakrebs eine Rolle spielt, es wäre patentiertes Eigentum von Myriad. Wenigstens in diesem einen Punkt will der Bundesrat das Patentgesetz etwas abschwächen und schlägt vor, dass das Patent nur für die Funktion des Gens gilt, die ursprünglich in der Patentschrift beschrieben ist, und nicht für alle noch unbekannten Funktionen, die irgendwann einmal entdeckt werden könnten.

2. Gen-Patente sind ethisch fragwürdig

Gene und genetische Ressourcen gehören zum Allgemeingut der Menschheit, zu denen alle – Forscherinnen, Züchter, Bäuerinnen – freien Zugang haben müssen; das ist für unsere aller Zukunft essentiell wichtig. Ein exklusives Monopol auf Gene könnte für unsere Gesundheit und für die weltweite Lebensmittelsicherheit verheerende Auswirkungen haben. Luft und Wasser können ja auch nicht patentiert werden! Das findet auch die eidgenössische Ethikkommission, der ich angehöre. Zudem: Ein menschliches Gen ist niemals eine „Erfindung“ irgendeiner Firma. Ein Gen kann entdeckt werden, doch Entdeckungen sind nicht patentierbar. Ein Beispiel: Australische Forscher haben das Relaxin-Gen aus dem Gewebe des Eierstockes einer schwangeren Frau isoliert. In Europa erhielten sie ein Patent auf das Gen, an dem anfangs auch die Firma Roche beteiligt war. Das Gen spielt bei der Geburt eine Rolle. Doch dieses Gen existiert seit Tausenden von Jahren im Erbgut von Frauen (und Männern) – das wurde von niemandem „erfunden“! Mit einer trickreichen Um-Definierung versucht man jetzt, aus einer Entdeckung eine Erfindung zu machen, um Gene und lebende Materie patentieren zu können. Das finde ich lätz.