Embryonen : Ethische Grenzen und Innovationen

Florianne Koechlin (Leserinbrief/Basler Zeitung, 30.8.2001)


Ein Forscherteam in Genf will untersuchen, ob mit Stammzellen von menschlichen Embryonen "eine Art Selbstheilung des Herzens nach einem Infarkt möglich ist" (BaZ, 28.8.2001). Doch die Forschung an Embryonen – also auch die Entnahme von Stammzellen – ist in der Schweiz und in weiten Teilen Europas verboten. Das soll aufgehoben werden, fordern nun viele ForscherInnen.

Ein anderes Forscherteam hat ebenfalls versucht, Herzinfarkte mit Stammzellen zu heilen – aber mit Stammzellen von Erwachsenen und nicht von Embryonen. Sie haben bei Mäusen einen Herzinfarkt verursacht und ihnen dann Erwachsenen-Stammzellen vom Knochenmark injiziert. Zur grossen Ueberraschung haben sich diese Stammzellen zu gesunden Muskel- und Blutgefässen entwickelt und eine Heilung der betroffenen Herzregion begonnen. Ueber 70% der Mäuse haben überlebt, nachdem sie zusätzlich Stammzellen-anregende Medikamente erhalten hatten.

Ich habe zwar meine Bedenken gegenüber solchen Tierversuchen, bei denen viele Mäuse leiden. Und doch: Dieses und viele weitere Experimente zeigen, dass Stammzellen von Erwachsenen ein schier unermessliches Potenzial haben, von dem wir noch sehr wenig wissen. Warum konzentriert sich die Forschung nicht auf diese erwachsenen Stammzellen und achtet das in unserer Verfassung verankerte Tabu? Ein menschlicher Embryo – also potenziell einzigartiges menschliches Leben – darf nicht zu einem Forschungsgegenstand, zu einer Sache, reduziert werden.

Ich vermute langsam, dass es bei dieser Diskussion um etwas ganz anderes geht: Um die Forschungsfreiheit, bei der keinerlei Schranken geduldet werden. Doch das Setzen von ethischen Grenzen kann auch innovative Kräfte in Gang setzen. Diese Chance sollten wir nutzen.