"Ganzheitlich"

Florianne Koechlin, WoZ 1-2/8.1.2004


Das Wort verwende ich nicht. Zu sehr riecht es nach Esoterik, nach unwissenschaftlicher Schwärmerei. Also nicht "ganzheitlich", sondern "holistisch" oder "umfassend"? Auch das ziemlich hilflose Versuche, um etwas Entscheidendes auszudrücken.

Der Ganzheitsbegriff, so wie er Anfangs des 20. Jahrhunderts in der physikalischen Quantentheorie aufkam, war revolutionär. Er hat das wissenschaftliche Weltbild auf den Kopf gestellt. Ein Weltbild, das bisher auf der mechanistischen Vorstellung basierte, dass man den Plan, nach dem die Welt gemacht ist, verstehen wird, wenn man dessen Einzelteile versteht. Die kleinsten Teilchen können Atome sein – oder Gene.

Eine ganzheitliche Weltsicht hingegen, so fasst dies die amerikanische Philosophin Carolyn Merchant zusammen, geht von fünf Annahmen aus:

1.

Alles hängt mit allem zusammen. Das Ganze bildet eine dynamische Einheit, und wenn an einem Teil etwas verändert wird, so betrifft dies das Ganze.

2.

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Das ist das Konzept der Synergie: Die kombinierte Aktion aller Teile ergibt eine grössere Wirkung. Wasser (H2O) hat Eigenschaften, die im Wasserstoff (H) und im Sauerstoff (O) nicht vorhanden sind.

3.

Der Kontext spielt eine Rolle. Jeder Teil bezieht zu jeder Zeit Bedeutung aus dem Ganzen. Ein Gen funktioniert nicht immer gleich; seine Funktionsweise hängt stark von der Zellumgebung ab.

4.

Es besteht ein Primat vom Prozess gegenüber den Teilen. Prozess und Veränderung gehen der Aufteilung von Materie in einzelne Teile voraus. Oekologische, "ganzheitliche" Systeme sind offen und dynamisch. Jedes Lebewesen hat eine durchlässige Struktur, wie ein Strudel im Wasser; es ist Ergebnis eines ständigen Energieflusses durch das System.

5.

Alle Teile im Kosmos sind zu einer Einheit verbunden. Körper, Geist und Seele bilden ein einheitliches Ganzes. Materie und Energie sind austauschbar, so wie dies Albert Einstein in seiner berühmten Formel E=mc2 formuliert hat. Das widerspricht dem gängigen Denkmuster des Dualismus.

Schauen wir diese fünf Punkte an, so wird deutlich, wie sehr gewisse Wissenschaftsbereiche noch in den Denkstrukturen des mechanistischen Zeitalters vom vorletzten Jahrhundert verankert sind. Ich denke da an die Agro-Gentechnik: Ein Gen hier einsetzen – und der Mais ist herbizidresistent, ein Gen da – und der Reis läßt blinde Kinder wieder sehen. Als ob es so einfach wäre!