Florianne Koechlin, Forum BaZ, 16.8.2003
Bei der grossen Hitze bin ich einige Male ins "Schaulager" geflüchtet, das ist ganz in der Nähe meiner Wohnung und ausserdem angenehm kühl. Da machte ich eine eigentümliche Erfahrung. Das Schaulager hat mich mit seinen atemberaubend schönen Pespektiven fast überwältigt, und dann diese Dieter Roth Ausstellung! Es beginnt ja harmlos, mit einigen Zeichnungen und konkreten Bildern. Dann lösen sich die Bildinhalte langsam auf: Schriftzeichen verlassen ihre lineare Anordnung, gestempelte Zeichen wirbeln übers Blatt. Was soll das? Ich lese: "Diese Dinge können NICHT sein: A) Zeichen B) Nichts" und das Ganze leert sich über mich und verschwindet irgendwo hin. Wohin? Was? Ich weiss es nicht. Dieter Roth zerhackt Spiegelhefte und macht sie buchstäblich zu Wurst. Schoggi wird zum Werkstoff, ebenso wie Hammelhackfleisch und Quark und Johannisbeeren. Wahrscheinlich stinkt es hinter dem Glas; den Schoggigeruch jedenfalls rieche ich ganz deutlich; und langsam gerät alles ausser Rand und Band. Es gibt Bilder für Hunde, ganz nah über dem Boden, und gigantische Konstruktionen, da wurde eine ganze Wohnung zusammenhauen und neu als Monument konstruiert. Grenzen lösen sich auf, auch bei mir, "Entgrenzungen" heisst es auf einer Erklärungstafel, und mir selber wird alles bald einmal zu viel, zu bedrängend, ja, auch zu irritierend. Ich gehe zur Erholung ins Café.
Das Buch, das ich im Café lese, handelt von Quantenphysik und philosophischer Welterfahrung. Der Physiker Hans-Peter Dürr erzählt gleich zu Beginn eine Parabel: Ein Ichthyologe (Fischkundiger) fischt mit dem Netz und betreibt dabei wissenschaftliche Studien, indem er jeden Fisch genau misst. Nach unzähligen Fängen stellt er ein wissenschaftliches Grundgesetz auf: Alle Fische sind grösser als 5 cm. Ausnahmslos jeder Netzfang hat das bestätigt. Da kommt der Metaphysiker und sagt: "Das stimmt nicht. Die Netzgrösse ist 5 cm, also schlüpfen alle kleineren Fische durchs Netz. Das Universum des Meeres kennt wahrscheinlich unendlich viele kleinere Fische." Darauf der Ichthyologe: "Doch, das Gesetz stimmt. Was ich nicht fangen kann, ist kein Fisch. Er ist kein Objekt von der Art, wie er in der Fischkunde definiert wird." Natürlich ist der Streit zwischen diesen beiden kein prinzipieller Widerspruch, sondern wird nur durch verschiedene Betrachtungsweisen verursacht, wobei die Welt des Ichthyologen präzis und messbar ist, diejenige des Metaphysikers hingegen voller Unsicherheiten und vager Spekulationen. Das Gleichnis zeigt auch, so Dürr, dass die Naturwissenschaft nur die Dinge beschreiben kann, die experimentierbar sind, nicht hingegen die Welt dahinter.
Die klassische Naturwissenschaft (speziell die Mechanik) postuliert, dass es eine vom Betrachter unabhängige und objektivierbare Welt von Gegenständen gibt, die immer gleich bleiben und die exakt erforscht und berechnet werden können. Es ist die Welt des Ichthyologen, wo alle Fische immer über 5 cm gross sind.
Die Quantenphysik stellt dieses Bild auf den Kopf und sagt: Es gibt keine objektive Wahrheit; ein Gegenstand, also auch ein Fisch, kann auf vielen verschiedenen Seinsebenen beschrieben werden, das hängt ganz von der betrachtenden Person ab. Jede wissenschaftliche Aussage ist prinzipiell begrenzt, eben weil es immer verschiedene Betrachtungsweisen gibt.
Das Wissen um die Relativität wissenschaftlicher Aussagen lässt wieder Raum für die Vorstellung, dass es viele Erfahrungen gibt, im wissenschaftlichen, künstlerischen oder religiösen, aber auch im intuitiven und subjektiven Bereich, die sich auf die "nicht fangbaren Fische" hinter dem Netz beziehen. Sind diese Erfahrungen deswegen weniger wichtig?
Dieter Roth, so habe ich es erlebt, hat wie ein Besessener versucht, die Welt hinter dem Fangnetz zu erkunden, und sich immer neu in das Nichts hinausgewagt. Er hat versucht, dem Unbenennbaren stammelnd eine Bildsprache zu geben seine eigene, sehr subjektive Bildsprache, für vieles, für das es nichts Bekanntes und nichts Verlässliches, nichts zum sich dran Festhalten gibt. Das finde ich grossartig.
Vielleicht ist es genau das, was Physiker wie Dürr oder auch Heisenberg und Einstein, zu grossen Wissenschaftlern gemacht hat, dieser Mut für den Schritt in die Schwebe, ins Unbekannte. Vielleicht sind sich da Kunst und Wissenschaft sehr ähnlich. Sie beschreiben das Gleiche, einfach mit einer anderen Sprache.
Die Quantenphysik und die Relativitätstheorie (und alle nachfolgenden Theorien, wie die Chaos- oder Systemtheorie) sind noch aus einem andern Grund faszinierend. Sie sagen vereinfacht: Alles hängt mit Allem zusammen. Alles sind dynamische Einheiten. Verändert man etwas an einem Teil, dann ist das Ganze betroffen. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, also kann man das Ganze nicht von seinen Teilen, von den Bausteinen, von den Buchstaben her begreifen. Eine solche mechanistische und lineare Erklärungsweise greift zu kurz. Zentral für das Verstehen sind Dynamik und Interaktionen zwischen den verschiedenen Teilchen, weniger die Teilchen selber.
Auch das habe ich bei Roth gefunden, das Ausbrechen aus linearen Systemen, das Auflösen vermeintlicher Eindeutigkeiten.
Verglichen mit der Quantenphysik erscheint mir da die Gentechnik oft altertümlich. Es ist das mechanistische Denken aus dem vorletzten Jahrhundert, so nach dem Motto: "Gen rein Problem gelöst. Wir finden isolierte technische Einzellösungen für komplexe Probleme. Wir finden das Dürre-Gen, manipulieren dieses Gen ins Erbgut von Pflanzen und diese sind dürreresistent (das war letzte Woche zu lesen)". Das genfixierte Denken ist vor allem in der Agro-Gentechnik noch sehr dominant. In der Human-Gentechnik scheint sich dies langsam etwas zu ändern, und vielleicht ist das Projekt einer ETH der Region Basel zu "Systems Biology" ein gutes Zeichen in diese Richtung.
Was mir an Dieter Roth auch imponiert hat: Er wagte den Schritt ins Leere allein und bedingungslos, mit seiner ganzen Person, mit Haut und Haar, mit Leib und Seele. Seine Videoinstallation zum Beispiel, mit den Dutzenden Videos, das war mir fast zuviel, das tat weh. Und noch ein Punkt: Immer wieder wird Roth ganz präzise, in all dem Chaos, eine bis ins Detail genau gezeichnete Schraube zum Beispiel, Ordnung in Unordnung schaffend.
Eine sehr subjekte Erfahrung, ich weiss (ich habe das Katalogbuch noch nicht gelesen und weiss nicht, ob Roth selber das auch so empfand). Doch wäre es nicht hochinteressant, solche Diskussionen zwischen Wissenschaft und Kunst anzuberaumen, zum Beispiel zum Thema "Nicht fangbare Fische"?