Florianne Koechlin, WoZ 13/28.3.2002
Wenn Frauen, denen gerade ein Weisheitszahn gezogen wurde, ein starkes Schmerzmittel auf der Basis von Morphinen (sog. Kappa-Opioide) erhalten, so lässt der Schmerz schnell nach. Bei Männern hingegen wirkt dieses Schmerzmittel nicht. Diese Studie, die kürzlich im Wissenschaftsmagazin New Scientist (19.2.2002) vorgestellt wurde, hat die Fachwelt verblüfft. Der verantwortliche Forscher Jon Levine (University of California)meinte sogar, dass die im Versuch verwendete Dosis des Schmerzmittels bei manchen Männern den Schmerz sogar erhöht habe. Schockiert habe ihn vor allem, so Levine, dass dieses Schmerzmittel schon seit Jahrzehnten auf dem Markt ist und niemand hat bisher den Unterschied entdeckt. Beim entzündungshemmenden Mittel Ibuprofen ist es genau umgekehrt: Das Mittel zeigt bei Frauen weniger Wirkung als bei Männern. Obwohl noch wenig über die Ursachen bekannt ist, vermutet Levine, dass Sexualhormone bei der Festsetzung des 'Schmerzfensters' eine Rolle spielen. Sexualhormone könnten die chemischen Signale, die bei einer Entzündung oder einer Gewebsheilung mitinvolviert sind, ändern. Doch die Forschung ist da noch ganz am Anfang.
Ein anderer geschlechtsspezifischer Unterschied ist, dass vor allem bei Frauen die inneren Organe miteinander zu "reden" scheinen, so dass ein Schmerz in einem Organ vom Schmerzen in einem andern ausgelöst oder verstärkt werden kann. Männer und Frauen, die an chronischem Reizdarm leiden, haben oft auch Kopfweh oder chronische Beckenschmerzen. Doch diese Koexistenz ist bei Frauen häufiger und stärker als bei Männern. Ein Grund dafür könnte sein, dass die weiblichen Reproduktionsorgane eng mit andern Organen verbunden sind und dass der Schmerz in einem Organ über gemeinsam geteilte Nervenversorgung auf ein anderes übergreifen kann.
Schmerz ist multidimensional und subjektiv, und deshalb sehr schwierig zu erforschen. Schmerz variiert mit der Tageszeit, Alter, Diät, Stress etc. Es sei deshalb nicht verwunderlich, meint Lisa Melton im New Scientist, dass die Differenzen so lange unentdeckt blieben. "Doch nicht nur das. Bis vor zehn Jahren haben Pharmaunternehmen ihre Pharmaka fast nur an Männern getestet."