Florianne Koechlin, Gen-Schutz-Zeitung, September 2001
Weizen ist unser wichtigstes Lebensmittel, unser täglich Brot. Und die Schweiz ist berühmt für die schier unermessliche Vielfalt an guten Broten. Es gibt aber ein grosses Problem: Es braucht neues Saatgut. Saatgut für die wachsende Zahl der Biobetriebe. Saatgut, das nicht auf grosse Düngermengen und Agrochemikalien angewiesen ist und trotzdem bekömmliches und gutes Getreide hervorbringt. Sativa Rheinau GmbH ist ein junger Betrieb in der Ostschweiz, der sich zusammen mit dem Züchter Peter Kunz und der Sativa Genossenschaft für dieses Ziel engagiert. Hier wird an Zukunftsvisionen gearbeitet, mit viel Know-how und viel Pioniergeist.
Zu dritt fahren wir über holprige Wege durch die Felder des biologisch-dynamisch bewirtschafteten Betriebs Gut Rheinau. Hier ist ein Feld mit der alten Getreidesorte Dinkel, dort steht Emmer in mattvioletter Farbe, und im Feld am Horizont wächst Einkorn. Es sind dies die drei Eltern des modernen Weizens. Der Getreidezüchter Peter Kunz entwickelt neue Sorten für den Biolandbau, und in Rheinau wird daraus Saatgut in grossen Mengen hergestellt. Wir gebrauchen dazu innovative Spitzentechnologien, sagt Martin Ott von Gut Rheinau. Wir wollen nicht zurück in der Geschichte, mit der Frau am Herd. Unsere neuen Bioweizensorten sollen auch in der technisierten Landwirtschaft von heute gut und gesund sein und eine hohe Backqualität haben. Das ist unsere Vision. Wir züchten neue Pflanzen, die eben auch eine ganz neue Biografie haben. Zum Beispiel sollen diese Pflanzen mit viel weniger Dünger auskommen.
Heute gibt es viel zu wenig Saatgut von Sorten, die speziell auf die Bedürfnisse des Biolandbaus hin gezüchtet wurden. Biobäuerinnen und Biobauern verwenden deshalb meist Saatgut von konventionell gezüchteten Sorten, das lediglich einmal biologisch vermehrt wurde und schauen, welches davon die Hungerphasen - wegen Dünger"mangel" - am besten übersteht. Beim Weizen etwa geht das mehr oder weniger gut. Die Erträge sind biobedingt geringer, aber oft ist die Backqualität nicht optimal. Diesem Bio-Brot muss mit Zusatzstoffen oder kanadischem Weizen von höherer Backqualität nachgeholfen werden.
Ich wollte vom Züchtungsspezialisten Amadeus Zschunke wissen, was denn seine Vision von einem Bioweizen im Jahre 2020 sei. DEN neuen Weizen wird es nie geben, sagt er. Es wird einen Strauss unterschiedlichster Sorten geben, mit unterschiedlichen Eigenschaften und angepasst an die speziellen Standorte. Es wird vielleicht einen Fricktaler Weizen geben, Sorten für niedere Lagen und solche für Hügelzonen. Allen gemeinsam soll aber eine grosse Vitalität und Flexibilität sein. Alle sollen sie einen bekömmlichen und guten Weizen ergeben, immer mit einer hohen Backqualität. Da braucht es dann keinerlei Zusätze mehr. Die neuen Bioweizen werden eine andere Wachstumsdynamik haben: Im Frühling sollen sie kräftig wachsen. Bei traditionellen Sorten ist das nicht so, darum muss mit Dünger nachgeholfen werden. Eine starke Frühjahrswüchsigkeit ist auch nötig, um das Unkraut zu unterdrücken und mit dem niedrigen Nährstoffangebot im Biolandbau gut umzugehen. Später soll die Pflanze eher verhaltener wachsen. Wenn sie in dieser Phase zu schnell wächst, fällt sie leicht um und wird anfällig gegen Pilzkrankheiten. Zum Schluss soll sie schön ausreifen. Diese Pflanzen sind ganz andere Typen, als sie in der Züchtung sonst favorisiert werden. Bei heutigen Weizensorten werden die Ähren gelb, während die unteren Blätter immer noch grün sind. Das ist eigentlich kein Ausreifen, sondern ein Absterben."
Das Erstaunliche ist: Die neuen Weizensorten für den Biolandbau gibt es bereits. Die ersten dieser Sorten befinden sich zur Zeit in den offiziellen Zulassungsprüfungen, die von jeder Sorte, bevor sie in den Handel kommt, durchlaufen werden müssen.
Die Züchtung neuer Bioweizen-Sorten verlangt ein enormes Know-how und viel Pionierarbeit. Da ist die Schweiz europaweit führend. Aber diese Züchtungsarbeit ist aufwändig und kostet viel Geld. Doch in diese Art der Züchtung ist bisher kein Franken an Steuergeldern geflossen, sagt Martin Ott. "Die Zeit drängt. Wir müssen rund acht mal so viel Biosaatgut herstellen wie heute, damit es für den ganzen Biolandbau reicht. Bei einigen Kulturen, z.B. bei Mais, beim Kleegras oder bei Tomaten oder Gurken sind wir erst ganz, ganz am Anfang. Bei andern, wie dem Weizen, sieht es schon besser aus, aber auch da braucht es noch viel mehr Sorten, denn eine grosse Vielfalt verschiedenster Sorten ist eine grundlegende Voraussetzung für jeglichen Biolandbau.
Wir von der SAG haben deshalb beschlossen, dass ein grosser Teil Ihrer Spenden für diese Zeitung dem Züchtungsfonds für biologisches Saatgut zugute kommt. Denn unser Nein zu Gentech-food bedingt ein Ja zu innovativer und zukunftsgerichteter Züchtung neuer Bio-Pflanzen. Wir alle sind auf diese Forschung und Züchtung angewiesen, damit auch unsere Kinder und Kindeskinder dereinst in den Genuss von naturnahen und garantiert gentechfreien Lebensmitteln kommen.
Florianne Koechlin
Der Betriebshof Rheinau/Sativa ist ein ganz spezielles Projekt. Hier werden neue, resistente Rebsorten gezüchtet und der Biowein gerade auch noch selber gekeltert. Und von den weiss blühenden Rüeblifeldern, an denen wir vorbei fahren, wird biologisches Saatgut für den Verkauf hergestellt. Auch für andere Gemüsesorten wird hier Saatgut produziert, und einen grossen Kuhstall gibt es ebenfalls. Vor allem aber: Hier arbeiten auch betreute Menschen, und die kleine Gemeinschaft bildet ein farbiges Ganzes, das offenbar auch gut funktioniert. Solche Projekte und Menschen sind wichtige Verbündete in unserem Bemühen, unsere Lebensmittel und Landwirtschaft gentechfrei zu halten.