Wie Monsanto einmal eine Demo organisierte

Kuhmist für die Aktivistin

Sie demonstrierten gegen den Öko-Imperialismus und bedachten die Ökologin Vandana Shiva mit einem merkwürdigen Preis: Bäuerinnen aus dem Süden. Tatsächlich?

Florianne Koechlin, WoZ 3/16.1.2003


Beim Uno-Gipfel im südafrikanischen Johannesburg demonstrierten im vergangenen Sommer rund dreihundert arme Bauern und Bäuerinnen aus südlichen Ländern für Gentechnik in der Landwirtschaft. Höhepunkt der Aktion war die Verleihung eines Preises an die indische Ökologin Vandana Shiva. Shiva würde mit ihrem Widerstand gegen Gentechnik »Hunger und Armut verewigen«, sie sei nichts weiter als »ein Sprachrohr des nördlichen Öko-Imperialismus«. Entsprechend war der Preis: zwei Fladen Kuhscheisse.

»Den nichtstaatlichen Organisationen war bei der grossen Pressekonferenz eine halbe Stunde Zeit eingeräumt worden, und ich war ihre Sprecherin«, erinnert sich Vandana Shiva bei einem Besuch in der Schweiz Ende Dezember. »Nachher, im dichten Gedränge der Medienleute, wurden mir zwei getrocknete Kuhfladen überreicht – zu meiner Überraschung von jemandem, den ich gut kenne.« Dieser jemand »war niemand anders als Chengal Reddy. Reddy ist kein Bauer; er ist Präsident einer rechtslastigen Bauernorganisation und hat in Indien alle Pressekonferenzen für den US-Konzern Monsanto organisiert. Zuletzt jene am 23. März 2002, bei der Monsanto bekannt gab, dass der Konzern die erste Bewilligung für die Freisetzung von Gentech-Baumwolle in Indien erhalten habe. Dank massiver Korruption. Ich begrüsste Reddy deshalb mit einem lauten ‘Hallo Mister Monsanto’, was ihn ziemlich ärgerte. Er war mit rund dreissig Leuten aus Indien nach Johannesburg gekommen, um aller Welt zu sagen: Wir Bauern brauchen Gentechnik. Ohne Gentechnik können wir nicht überleben. Unter seinen dreissig Leuten war aber nicht ein Bauer, nicht eine Bäuerin.«

Dennoch wurde die Demonstration in der Novemberausgabe des renommierten Wissenschaftsjournals »Nature Biotechnology« als historischer Meilenstein gefeiert. Der Autor Val Giddings schrieb: »Zum ersten Mal haben echte, wirkliche Drittweltbauern für sich selbst gesprochen.« Giddings befand auch, Shiva habe den Kuhscheisse-Preis zu Recht erhalten – »für ihre destruktive Rolle in der Gentech-Diskussion«. Giddings ist einer der Vizedirektoren der weltweit grössten Gentechnik-Lobbyorganisation Biotechnology Industry Organisation (BIO). BIO repräsentiert über tausend Gentech-Firmen und Gentech-Institute in 34 Staaten. Auch die beiden Basler Chemiekonzerne Syngenta und Roche sind BIO-Mitglieder.

Was beim Erdgipfel in Johannesburg tatsächlich geschah, hat der britische Journalist Jonathan Matthew recherchiert. »Es war eine höchst wirkungsvolle Aktion«, schreibt Matthew, »doch wenn irgendjemand den Kuhscheisse-Preis verdient, dann ist es Giddings. Fast jedes Element der Demonstration war im Voraus geplant und orchestriert.« Akribisch stellt Matthew das Netz von BIO, Industriekonzernen und PR-Büros dar, das die Demonstration bis ins Detail geplant hatte. Matthew fand heraus, dass an der Demonstration tatsächlich auch »arme Leute« teilgenommen hatten. Allerdings keine indischen Bäuerinnen, sondern südafrikanische StrassenhändlerInnen, die während des Uno-Gipfels von den Strassen vertrieben worden waren. Das Flugblatt zu ihrer Mobilisierung enthielt kein Wort über Gentechnik. Sie glaubten, an einem Marsch teilzunehmen, bei dem es um »Freiheit für den Handel« gehen würde.

An der Demonstration hatten auch einige richtige Bauern teilgenommen. Sie trugen T-Shirts mit englischsprachigen Aufschriften wie »Stoppt das globale Gejammer!«, »Sagt Nein zum Öko-Imperialismus« oder »Gentechnik ist unsere Rettung«. Ein Journalist versuchte, mit den Protestierenden über die Parolen zu reden, doch die Leute lächelten nur scheu; keiner von ihnen konnte Englisch sprechen oder lesen. TeilnehmerInnen des Weltgipfels berichteten zudem, dass die »armen Bauern« (aus Südafrika und von den Philippinen) im gleichen Hotel logierten wie Giddings.

»Die Attacke auf meine Person ist kein Zufall«, sagt Vandana Shiva und erläutert: »Zurzeit verfolgt die Gentech-Industrie zwei PR-Strategien: Die erste Strategie operiert mit der Behauptung, nur der Norden lehne gentechnisch veränderte Organismen ab, nicht aber die Menschen im Süden.« Zwei Personen würden dabei aber besonders stören: Tewolde Egziabher aus Äthiopien und sie selbst. »Beide haben wir seit Jahren gesagt, dass die Gentechnik uns im Süden keinen Nutzen bringt und unabsehbare Risiken birgt. Deshalb die wütenden Attacken. Die zweite Strategie heisst: Der Süden braucht verzweifelt Lebensmittel und kann darum nicht wählerisch sein. Sambia beispielsweise soll kein Recht haben, gentechnisch veränderte Nahrungsmittel zu verweigern.«

Auch das sei falsch, sagt Shiva. Der Süden habe genügend Lebensmittel, sowohl in Indien wie im südlichen Afrika lägen die Probleme anderswo (vgl. in dieser WoZ-Ausgabe Seite 23). Sambias Weigerung, im Rahmen der Hungerhilfe Gentech-Food anzunehmen, sei kein Amoklauf des Präsidenten gewesen, sondern ein demokratischer Entscheid. Dieser sei von Sambias Parlament und von zahlreichen Konsens-Treffen bestätigt worden. »Sambia hat realisiert, dass schon ein einmaliger Import seine Optionen für die Zukunft zerstören kann«, sagt Shiva.

Bei seinen Recherchen über die Demonstration in Johannesburg fiel Matthew auf, dass die Gentech-Industrie auch das Internet gezielt einsetzt. Die Website foodsecurity.net etwa stelle sich als »weltweit umfangreichste Informationsquelle für globale Lebensmittelsicherheit und nachhaltige Landwirtschaftspraktiken« dar und gebe sich unabhängig. Matthew schreibt: »Foodsecurity.net bringt fast ausschliesslich Pro-Gentech-Informationen, oft mit giftigem Inhalt und reisserischen Titeln wie ‘Die schändliche Vandana Shiva’ oder ‘Transgene Pflanzen, eine Wohltat für die Armen’.«

Matthew fand zahlreiche Links zur Gentech-Industrie und deren PR-Firmen. Eine davon war die Bivings Group, eine PR-Firma, die auch für Monsanto arbeitet und beim mexikanischen Mais-Skandal eine zentrale Rolle spielte.

Eigentlich habe sie der Kuhdung-Preis »sehr gefreut«, sagt Vandana Shiva, »meine erste Reaktion war: Da haben mir einige Biobäuerinnen ein schönes Geschenk gemacht. In Indien haben wir ein spezielles Festival zu Ehren des Kuhdungs. Denn Kuhdung bedeutet Reichtum, Kuhdung ist die Basis für Bodenerneuerung und Bodenfruchtbarkeit.«