Einführungsreferat von Günter Altner, Theologe und Biologe, am Workshop „Pflanzen neu entdecken“, Planet Diversity Kongress in Bonn, Mai 2008
Ich beziehe mich in meinen Ausführungen auf die These 21: “ Welche Beziehungen wir mit Pflanzen eingehen, hat Bedeutung für unsere eigene Lebensweise. Wie wir mit Pflanzen umgehen, reflektiert unseren Umgang mit andern Lebewesen und mit uns selbst. Der Wert, den wir Pflanzen zuweisen, hängt mit unserm Selbstentwurf zusammen.“
Die Beantwortung der Frage, was die Pflanzen für uns bedeuten, hängt davon ab, von welchem Selbstverständnis her die Begegnung mit Pflanzen stattfindet, ob wir uns unter dem Vorzeichen einer Religion nähern oder unter dem Vorzeichen der Philosophie oder der Wissenschaft oder der Kunst, wie dies in These 27 formuliert wird. Die Frage, die sich stellt, ist: Berühren sich diese verschiedenen Sichtweisen, überschneiden sie sich oder gibt es da so etwas wie eine Gemeinsamkeit, die bei der Auseinandersetzung mit der Molekulargenetik und Gentechnik in die öffentliche Diskussion gebracht werden könnte. Die Visionen und die gefühlsmässigen Annäherungen an Pflanzen sind in der Tat sehr verschieden. Ich will mit vier Beispielen zeigen, wie schwierig es ist, zu einer gemeinsamen Sicht zu kommen.
Zuerst möchte ich unterstreichen: In unserer Sprache spiegelt sich ganz allgemein das, was eine Pflanze ist, oder das, was wir an den Pflanzen als ähnlich oder verwandt oder fremd empfinden. Sprache ist korrelativ. Es gibt keine Beschreibung und Charakterisierung der Pflanzen an und für sich. Sie ist immer von unserer Empfindung und von unserem Verständnis geprägt. In unserer Sprache geht immer etwas vom Wesen der Dinge (belebt und unbelebt) ein. Die Sprache der Dinge verbindet sich mit unserer Sprache.
Als erstes Beispiel bringe ich den Zenmeister Taikaro Suzuki zu Wort, der sagt: „Die Blume kennen heisst, zur Blume werden, die Blume sein, als Blume blühen und sich an Sonne und Regen erfreuen. Wenn ich das tue, dann spricht die Pflanze zu mir und ich kenne ihre Geheimnisse, ihre Freuden, ihre Leiden, das heisst ihr ganzes Leben, welches in ihr pulsiert.“ Er schliesst daraus: „dann kenne ich mein eigenes Ich. Indem ich die Pflanze kenne, erkenne ich mich selbst. Wenn ich die Pflanze verliere, verliere ich auch mein eigenes Selbst so wie ich das der Pflanze verloren habe.“ Das ist auf den ersten Blick nichts für die praktische Anwendung. Man muss jetzt darüber reden, was der Zen-Meister von der Blume erfahren hat, was er von sich erfahren hat. Im Grunde genommen führt das zur Psychoanalyse. Die Pflanze wird zum Medium meiner Selbsterfahrung.
Als zweites Beispiel wähle ich Albert Schweitzer und sein Gebot zur Ehrfurcht vor dem Leben. Er formuliert dieses Gebot mit einem Satz, der ganz einfach erscheint: „ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Da ist kein ‚du sollst’, und ‚du musst’, sondern ein zweigipfliger indikativischer Satz. Albert Schweitzer hat dies Gebot in Konfrontation gegen René Descartes und seinem Erkenntnisdualismus, der den Mensch ins Gegenüber zur Natur stellt, propagiert. Wenn man sich fragt, was da bei Albert Schweitzer passiert ist, könnte man sagen, das Leben wird als geschenkt erfahren und diese Berührung öffnet den Menschen hin zu Mitmenschen und Mitkreatur in der Gestalt von Miterleben, Mitleiden und Teilhabe. Schweitzer geht davon aus, dass alles Leben ohne Unterschied einen Wert hat, der sich bei dieser Erfahrung eröffnet. Was das dann für die Praxis heisst, hat er so formuliert: „In keiner Weise erlaubt die Ehrfurcht vor dem Leben dem Einzelnen, das Interesse an der Welt aufzugeben, also sich in sich zurückzuziehen; die Ehrfurcht zwingt ihn, mit allem Leben um ihn herum beschäftigt zu sein und sich verantwortlich zu fühlen. Die Beschäftigung mit dem Leben läuft darauf hinaus, dass wir seine Existenz als solche erhalten, fördern und auf seinen höchsten Wert bringen.“ Das ist schon mehr Anleitung als bei Suzuki; es gestattet auch Veränderung und Züchtung. Auf jeden Fall ist die Pflanze „Mitleben“, das unsere ganze Achtung erfordert.
Ein dritter Entwurf ist die Methode der „Mitwissenschaft“, sowie sie der Philosoph Klaus Michael Meyer-Abich entwickelt hat. Die Mitwissenschaft fragt nicht nach den objektiven Seiten der Natur, sondern nur danach, wie wir mit ihr und ob sie mit uns zusammen ist und sich wechselseitig beeinflusst. Mit den Worten von Meyer-Abich: „dass Tiere, Pflanzen und die Elemente nicht nur unsere natürliche Mitwelt sind, sondern umgekehrt auch wir zu den natürlichen Mitleben der Dinge und Lebewesen gehören.“ Hier dominiert ein korrelativer Erkenntnisvollzug, der über die Objektivität der Dinge hinausführt. Da werden wir viel über die Pflanzen und über uns erfahren.
Der vierte Entwurf stammt von Viktor von Weizsäcker, Mediziner und Begründer der psychosomatischen Medizin: „ Leben erforschen heisst sich am Leben beteiligen.“ Viktor von Weizsäcker postulierte, dass der Patient nicht das Objekt des Arztes ist, sondern dass Arzt und Patient einen Menschen bilden, Bipole voneinander sind. Viktor von Weizsäcker vertrat die Meinung, dass die Konzentration auf die objektive Sicht des Lebens eine Zwangsneurose sei, eine pathogene Verdrängung des Eros im Verhältnis von Mensch und Mensch und Mensch und Natur. Also bedarf es doch der psychoanalytischen Aufklärung des auf Objektivität fixierten Erkenntnisneurotikers. Das tut auch den Pflanzen gut.
Ich fasse zusammen :
Es ist gar keine Frage: Jeder dieser vier verschiedenen Einfühlungs- oder Erkenntniswege lässt die Pflanze verschieden erscheinen. Es erscheint mir für die zukünftige Diskussion wichtig, dass wir diese verschiedenen Paradigmen oder Muster mit den Folgen, wie Pflanzen erscheinen, sorgfältig auf die Frage hin abtasten, ob wir in der öffentlichen Auseinandersetzung etwas Gemeinsames sagen können, von der Religion bis zur alternativen Wissenschaft. Es wird zum Beispiel schwierig, mit einem „normalen“ Biologen, dem wir gerade eine Zwangsneurose unterstellt haben, ins Gespräch zu kommen.
In den „Rheinauer Thesen zu Rechten von Pflanzen“ ist dieser Kompromiss gut zu spüren; ein Kompromiss, der zwischen den Elementen der offiziellen Biologie, die man hinüber nehmen könnte und den Elementen, die sich aus dem Kontext des gerade Vorgestellten ergeben, hin und her schwingt. Ein sehr guter Anfang. Aber da wird sehr vieles weiter zu klären sein. Auf jeden Fall sind die Pflanzen in ihrer relativen Menschenferne eine unumgängliche Herausforderung, unsere Naturnähe zu prüfen und in dialogische Sprachmuster zu überführen.