Was ist Krankheit, was ist Gesundheit ?

Florianne Koechlin

Vor einigen Jahren passierte mir folgendes: Eine Freundin von mir war kurze Zeit im Spital und ich fragte sie, was sie habe machen lassen müssen. Sie sagte ironisch und etwas verschämt: Den Vierzger Service, halt. Und meinte damit, dass ihr die Gebärmutter herausoperiert wurde, wie vielen Frauen um die vierzig.

In den achziger Jahren wurde in westdeutschen Krankenhäusern jährlich 147'000 Frauen die Gebärmutter herausoperiert. Nur 20 Prozent davon seien medizinisch erforderlich, der Rest erfolge prophylaktisch, "damit es keine Kinder und keinen Krebs gibt".

Wir sind schon mitten drinnen in einer Medizin, die technisch orientiert ist, bei der nicht der kranke oder hilfsbedürftige Mensch im Vordergrund steht, sondern der Körper, der repariert werden muss, der austauschbar ist wie eine Maschine. Oder eben wie ein Auto, das ja auch nach 100'000km einen Service und neue Zündkerzen braucht.

Diese technische Wahrnehmung des Körpers ist nicht nur ein Problem der Medizin. Sie ist in uns drinnen; es sind auch Frauen, die diesen entsetzlichen Ausdruck des "vierziger Service" gebrauchen. Und wir alle reden davon, dass die Pumpe schlägt und schlägt, dass die Glieder verrostet sind oder dass der Kreislauf nach wie vor wie geölt funktioniert. Solche Metaphern aus der Mechanik sind gang und gäbe. Solche Vorstellungen haben wohl auch eine lange Tradition, zurückzuführen auf Descartes, der als einer der ersten den Körper als biologische Maschine beschrieben hatte. Eine biologische Maschine, die das Gehirn am Leben erhält, denn:"Cogito, ergo sum": Ich leite meine Identität vom Denken ab, und nicht etwa davon, wie ich als Baby gewickelt wurde oder die Pubertät durchstanden hatte. Das Denken, also meine Identität, aber auch meine Seele, das, was "Ich" ausmache, ist im Gehirn lokalisiert, und da kann es dann egal sein, welcher Körper dieses Subjekt am Leben erhält, und wie er schlussendlich repariert wird.

Wir alle "wissen" inzwischen auch, dass wir unseren Gefühlen nicht vertrauen dürfen, dass die nicht verlässlich sind, uns nicht den "wahren" Zustand unserer selbst vermitteln können. Barbara Duden erzählt von einer krebskranken Person, die sie nach ihrem Befinden gefragt habe. Die Antwort war: Fragen Sie mich morgen wieder, dann habe ich die Testresultate. Die Befindlichkeit wird von der subjektiven Körperwahrnehmung getrennt. Der Körper ist unwirklich geworden, ohne eigenes Empfinden mehr. Barbara Duden beschreibt eindrücklich, wie es quer durch die Gesellschaft im Laufe der letzten Jahre zu einer vormals undenkbaren Entkörperung des Erlebens gekommen ist. Die entkörperte Wahrnehmung des eigenen Organismus wird mehr und mehr zu einer Grundcharakteristika unserer Epoche.

Das alles ist also nicht neu. Die Gentechnik führt diesen Strang weiter und treibt ihn auf die Spitze. Doch um es nochmals zu betonen: Es muss da schon eine grosse Bereitschaft vorhanden sein, den Körper quasi als "Maschine" zu betrachten, der von der modernen Medizin optimal gewartet werden soll. Und es ist diese Betrachtungsweise des Körpers als Maschine, die der Gentechnologie ihre scheinbar so selbstverständliche und verführerische Logik gibt.

Gleichzeitig wächst das Unbehagen vieler gegenüber einer immer technischer werdenden Medizin, und diese Ambivalenz wird bei der Gentechnologie noch verschärft. Die ironische Entwicklung könnte da ja sein, dass sich jemand den Gentest für Krebs machen lässt, und bei positivem Befund dann ins Schamanenzelt schwitzen geht oder sich Mistelpräparate verschreiben lässt: Ein Versuch, die ganze Dimension des Krankseins zurück zu gewinnen durch einen Rekurs auf die Naturmedizin. Dieses Nebeneinander verschiedener Krankheitskonzepte zeigt sich auch darin, dass die Alternativmedizin ebenfalls einen Aufschwung erlebt

Ein Blick zurück

Wie hat sich die Definition dessen, was Krankheit und was Gesundheit ist, im historischen und sozialen Kontext verändert? In den folgenden Ausführungen stütze ich mich auf Lene Koch's Aufsatz:The Genetification of Medicine and the Concept of Disease'.

Der grosse Durchbruch in der modernen Medizin war die Entdeckung, dass Bakterien und Viren Infektionen verursachen und die Entwicklung von Impfstoffen und Antibiotika. Diese "bakterielle Revolution" legte den Grundstein dazu, dass die Medizin zu einer Labor-Medizin wurde. Sie änderte auch radikal das Verhältnis von AerztIn zu PatientIn: Die AerztIn wird zur aktiven ExpertIn, alleinig verantwortlich für die Interpretation der Labordaten, die PatientIn erhält eine passive Rolle. Die Entwicklung immer besserer Analysemethoden führte zu einem neuen Krankheitsbegriff – weg von einer die ganze Person umfassenden Betrachtung hin zu einer Fokusierung auf rein technische Aspekte. Infektiöse Krankheiten nahmen ab, andere kamen dafür auf, so etwa chronische Krankheiten, Herzkrankheiten, Diabetes, Krebs. Dazu gab es kaum Kuren.

In den 50iger Jahren begann sich ein anderes Konzept der Medizin herauszubilden: die präventive Medizin. Erste Studien zeigten, dass z.B. Rauchen ein Risikofaktor ist. Das Interesse an Umwelt- und andern Risikofaktoren wuchs. Psychiatrie, epidemiologische Studien, das Einbeziehen sozialer Faktoren gewannen an Bedeutung. Das AerztIn-PatientIn-Verhältnis änderte sich : Bei der Erstellung präventiver Strategien trat die PatientIn in den Mittelpunkt, als ganze Person, sein oder ihr "life-style", die Umgebung, das psychologische Verhalten. Diese präventive Medizin basiert auf einem andern Konzept: Wichtig sind die Umweltverschmutzung, wichtig sind die multifaktorellen Ursachen und Wahrscheinlichkeiten sowie das psychische Wohlbefinden; empfohlen wird die Vermeidung – möglichst vieler – Risikofaktoren. Solche unerschiedlichen Definitionen dessen, was eine Krankheit ist, haben also wesentlichen Einfluss auf das Gesundheitswesen; dadurch wird definiert, wer krank und wer gesund ist, was die Ursachen sind. Solche Definitionen bestimmen auch wesentlich das Verhältnis zwischen PatentIn und AerztIn

Das Konzept der "genetischen Krankheit'

Und nun also der Siegeszug der Gentechnik – und damit verbunden das Konzept der "genetischen Krankheit". Im Zentrum, quasi als Herzstück der "Gen-Medizin", steht das "Human Genome Project", das Genomprojekt. Die nahezu vollständige Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes wurde im Jahr 2000 mit grossem Medienaufwand publik gemacht. Bill Clinton, damals Präsident der USA, der zusammen mit Englands Premier Tony Blair an der Presseveranstaltung zugegen war, brachte die damaligen Hoffnungen auf den Punkt:" Heute haben wir die Sprache kennengelernt, mit der Gott Leben geschaffen hat." Hinter diesem Projekt steckt die Idee, dass, wer das gesamte Erbgut des Menschen kennt, damit auch sein genetisches Alphabet erfasst habe: The book of man. Dabei sollen Fehler, also die Abweichung von der Norm (was immer das sein mag) sichtbar werden. Das heisst dann "genetischer Defekt": Zuerst warens bloss monogene Erbkrankheiten, dann auch viele andere Krankheiten oder wenigstens die Veranlagung dazu, dann Verhaltensmerkmale, Charakterzüge, andere menschliche Eigenschaften und überhaupt alles. Die Eskalation war atemberaubend.

Dieses neue Konzept präsentiert sich zunächst einmal als Fortsetzung der präventiven Medizin. Die genetische Disposition ist einfach ein weiterer Risikofaktor, der im Leben einer Person eine Rolle spielt: "Dank dem Genomprojekt kann bald (...) jedes Elternpaar mit einem kleinen Baby eine Karte mit der genetischen Struktur ihres Kindes erhalten. Wenn dann ihr Kind eine Prädisposition für eine bestimmte Krankheit oder für ein bestimmtes Problem hat, oder sogar für eine Herzkrankheit oder Herzschlag mit 40, dann können die Eltern das Leben ihres Kindes so planen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind diese Krankheit bekommt, möglichst klein ist. Sie können einen Diätplan, einen Fitnessplan, die ärztliche Betreuung optimal organisieren, und dies würde es vielen Menschen ermöglichen, ein besseres Leben zu haben, " so Bill Clinton. Die Verlockung dieser wunderbaren Techno-Zukunft ist gross: Das prädiktive Wissen um meine genetische Veranlagung erlaubt mir also die letztendliche, die ultimative Prävention durch eine Kombination von speziellem Wissen um meine individuellen Risiken mit den externen Risiken. Gesundheit erscheint planbar, technisch kalkulierbar.

Das Konzept der "Gen-Medizin" unterscheidet sich natürlich auch in entscheidenden Punkten von demjenigen der Präventivmedizin.

Im Fokus sind nicht mehr die Umweltfaktoren und das psychische Befinden - höchstens noch am Rande, und eher als rhetorische Begleiterscheinung - im Zentrum ist jetzt die genetische Veranlagung. Die eindimensionale Sicht der Abläufe des Lebens, bei der der Schlüssel zum Leben selbst in der Basenfolge der DNA liegt, führt zu einem neuen Determinismus, dem genetischen Determinismus. Ein Mann ist aggressiv, weil er ein "aggressives Gehirn" besitzt, das auf "Aggressions- Gene" zurückgeführt werden kann. Gesellschaftliche Umstände sind ausgeblendet; Schwulsein ist angeboren, da ist nichts zu ändern. Biologie ist also angeblich wieder Schicksal, und in der alten Debatte "Vererbung oder Umwelt?" hat das Pendel wieder ganz kräftig auf die Gen-Seite ausgeschlagen. Neue Erziehungsmodelle in der Schule? Sinnlos, wenn Stottern, Lernschwierigkeit und Intelligenz genetisch bedingt sind. Zum Scheitern verurteilt auch Resozialisierungsmassnahmen bei Straffälligen,, wenn Aggression und die "Unfähigkeit, impulsive Handlungen zu kontrollieren" angeboren sind.War es früher ein Risiko-Faktoren-Konzept, so ist es heute ein Risiko-Menschen-Konzept.

Und wiederum steht nicht die ganze Person als solche im Zentrum, sondern ihre Gene. Man redet von Aggreions-Genen und nicht von Genen, das manchmal bei einer aggressiven Person entdeckt wurde. Wie Steven Rose bemerkt, sind es auch diese bequemen Verkürzungen, die einen genetischen Determinismus reflektieren und billigen, da komplexe Eigenschaften des Individuums in einzelne Gene zergliedert werden.

Der Patient ist in diesem Prozess wieder stumm geworden, so Erika Feyerabend. Als beredt werden seine angeblich messbaren molekularen Daten angenommen.: Gentests "beweisen" behauptete Abweichungen vom durchschnittlichen Gesamtgenom (genetische Tests, Mucoviscidose etc) . Daraus werden prozentuale Wahrscheinlichkeiten von - auch zukünftigen - "Krankheiten" abgeleitet, für die es zumeist weder subjektiv wahrnehmbare Symptome noch Therapien gibt.

Wie konnte es dazu kommen? Die molekularbiologische Forschung hat sicherlich grosse Fortschritte erbracht, speziell bei der Erforschung monogenetischer Erbkrankheiten. Dazu gehören etwa die Cystische Fibrose, die Duchenn'sche Muskelkrankheit oder die Faktor-VIII Insuffizienz. Im Laufe der Zeit wurden viele solche Erbkrankheiten entdeckt und auf ihre genetische Basis zurückverfolgt. Monogenetische Krankheiten sind aber insgesamt sehr selten: Nur gerade 2 Prozent aller Krankheiten sind monogenetisch ( und auch da zeigt sich, ganz nebenbei, dass die genetische Basis meist viel komplexer ist als ursprünglich angenommen), Bei 98 Prozent sind die Ursachen sehr viel komplizierter. Alle wichtigen Zivilisationskrankheiten wie etwa Krebs, Bluthochdruck oder Herzerkrankungen haben vielfältigste Ursachen , und viele Gene spielen dabei ebenfalls eine Rolle. Bei Bluthochdruck zum Beispiel wird geschätzt, dass 300 bis 400 Gene mit eine Rolle spielen.

Dass sich 98 Prozent aller Krankheiten – und erst recht Persönlichkeitsmerkmale – nicht so einfach und linear in dieses Schema pressen lassen, spielt dann keine so grosse Rolle. Mit einem genialen Schachzug werden komplexe Krankheiten neu definiert: Man spricht dort, wo mehrere Gene im Spiel sind, von "genetischer Tendenz", von "Veranlagung" oder "Prädisposition" und kann auf diese Weise die monogenetische Software (Richard Strohmann) kurz und bündig über jeden noch so komplexen Wesenszug stülpen. Das Konzept der "genetischen Krankheit" wird zu einer Mammutkategorie, in die alles hinein verpackt werden kann.

Gen-Schalter-Lösungen

Die persuasive Macht des genetischen Determinismus besteht ja auch darin, dass es einfache Modelle zur Erklärung bereitstellt: Es liegt in den Genen. Korrigieren wir die Gene, dann ist der ganze Organismus korrigiert.

Und dann können wir uns das ja auch alle sehr gut vorstellen, diese allgegenwärtige DNA-Doppelspirale. Christine von Weizsäcker erzählte mir kürzlich, wie sie mit ein par Kindern in eine Ausstellung ging, wo eine 2m grosse DNA-Helix stand. Ein Bub zeigte stolz darauf und sagte:"Das ist in mir drinnen!" Sie meinte dann, das sei doch zu gross, das könne gar nicht in ihm drinnen sein, und der Bub musste ihr recht geben. Das Wissen um die Doppelhelix-artige Gene quasi unser "Zentrum" ausmachen, ist in der Gesellschaft bereits tief verwurzelt. Durch die Suggestion dieses Bildes, dieser allgegenwärtigen Doppelspriale, wird das, was eigentlich unsichtbar ist, sichtbar, erfahrbar. Unser Körperverständnis wird zunehmend "molekularisiert", und wir können uns eine Reparatur von genetischen Krankheiten dank der Macht dieser Bilder gut vorstellen.

Die "Gen-Medizin" stellt uns aber auch vor viele neue ethische Fragestellungen, wovon ich hier nur ein Beispiel erwähnen möchte.

Bei der Pränataldiagnostik wird das Erbgut des Embryos auf mögliche Erbfehler hin untersucht. Heute liegt es noch im Ermessen jeder einzelnen Frau, Pränataldiagnostik in Anspruch zu nehmen. Doch der Druck, keine behinderten Kinder auf die Welt zu bringen, wird wachsen, speziell auch angesichts des enormen finanziellen Drucks auf das Gesundheitssystem. Ein Gemisch aus Sachzwängen ("So etwas wäre doch mit den heutigen medizinischen Möglichkeiuten nicht mehr nötig gewesen") und aus Diskriminierung behinderter Menschen macht es einer Schwangeren sehr schwer, sich heute gegen Pränataldiagnostik oder für ein behindertes Kind zu entscheiden. Versicherungen werden ebenfalls vermehrt Druck auf Eltern ausüben; in den USA haben sich Krankenkassen bereits geweigert, Kinder mit pränatal festgestellten Erbfehlern in ihre Kasse aufzunehmen. Und wo liegt denn die Grenze zwischen "normal" und "behindert", und vor allem: Wer entscheidet , welches Leben "wert" und welches "unwert" ist? Darf ein Embryo mit einer genetisch bedingten Lungenkrankheit (Mucoviscidoese) oder mit Trisomie 21 abgetrieben werden? Sind Embryonen mit angeborenem Kleinwuchs oder einem defekten "Fress-Sucht"-Gen eine "unzumutbare Belastung" für die Eltern? Oder solche mit einem angeblichen "Aggressions"- oder "Schwulen"-Gen? Es kommt dabei gar nicht so sehr darauf an, ob es dieses Gen tatsächlich gibt. Es genügt der wissenschaftlich vermittelte Konsens darüber, dass es solche Gene angeblich gibt, um sie als Instrumente der Aussonderung zu benutzen. Was mich in diesem Zusammenhang besonders beunruhigt, ist die Tatsache, dass manche Untersuchungen zeigen, dass offenbar die Akzeptanz für eine Pränataldiagnosztik Jahr für Jahr steigt. Immer mehr Frauen lassen sich solche Tests machen , und je mehr solche Tests angeboten werden, desto grösser wird die Akzeptanz.

Wie sehr sich das Klima gegenüber behinderten Menschen auf Grund genetischer Testmöglichkeiten heute schon verändert hat, weiss die Zürcher Psychotherapeutin Aiha Zemp aus eigener Erfahrung. Sie ist behindert mit Arm- und Beinstümpfen auf die Welt gekommen. Die heute als selbstständige Psychotherapeutin arbeitende Aiha Zemp ist es gewohnt, dass man ihr mit Mitleid begegnet oder sie nicht ernst nimmt. Was hingegen neu ist und was ihr in letzter Zeit fast wöchentlich passiert, sind Bemerkungen irgendwo auf dem Bahnhof oder im Restaurant wie z.B."So eine wie die käme heute auch nicht mehr auf die Welt." Immer wieder sieht sie sich gezwungen. ihr Leben rechtfertigen zu müssen und erklären zu müssen, dass sie gerne lebt. Eine ziemlich unerträgliche Situation. Zudem habe die Aggressivität ihr gegenüber spürbar zugenommen. In den Köpfen der Leute setzt sich langsam und kaum merklich die Ueberzeugung fest, dass Behinderung nicht einfach mehr Schicksal ist, sondern eben ein Ereignis, das vermieden werden kann.

Schon dieses Beispiel zeigt, dass es hier um weit mehr als "nur" ein neues Krankheitskonzept geht. Es verändert sich auch dramatisch das Bild, das wir uns von uns, von der Natur, vom Leben machen. Es verändern sich unsere Auffassungen von Solidarität, von Freiheit und Verantwortung. Gentechnologie wird zu einem kulturellen und sozialen Phänomen. Wir lernen zu begreifen: Sie sind in mir drinnen, das Programm und der Code, und sie bestimmen mit, was mit mir passiert, was mein Schicksal ist. Die Gene bestimmen meine Identität, meinen Charakter. Gene erhalten eine beinahe mystische Macht. Krankheit, Berufserfolg, gesellschaftliches Ansehen, Glück in der Liebe – alles kann auf die Gene zurückgeführt werden. Gene werden zu einer Art Orakel zu Delphi, ein modernes future telling. Gene haben die soziale und kulturelle Dimension der Seele angenommen, so die Schlussfolgerung von Susan Lindee.

Patente, Kontrolle und viel Geld

Natürlich beruht die Dominanz der Gentechnik nicht allein auf dem Mythos des Gens beruht, sondern dass dahinter gigantische wirtschaftliche Interessen stecken und dass diese Interessen auch zunehmend die Richtung der Forschung bestimmen. Das 'ob-Gen' – auf deutsch: Fress-Suchts-Gen – wurde kurz nach seinem Auffinden patentiert. Der "Erfinder" dieser menschlichen Gens, der amerikanische Forscher Jeffrey Friedmann von der Rockefeller Universität in New York hat es dann sofort in einem exklusiven Lizenzvertrag für 20 Millionen $ - 80 Mio falls erfolgreich – an Amgen, eine Tochterfirma des Basler Pharmakonzerns Roche – verkauft. 20 Millionen $ für ein menschliches Gen!

Mit der Patentierung von menschlichen Genen und Zellen werden erstmals in unserer Geschichte menschliche Bestandteile ganz legal zu Cash, zur käuflichen Ware. Konzerne können also nun Blutzellen, Gene, menschliche Bestandteile als patentiertes Privateigentum besitzen. Wir erleben hier ein aggressives Wettrennen um diese Patente, denn wer das Patent zuerst hat, hat die ausschliessliche Monopolkontrolle über seinen Patentgegenstand – in diesem Fall menschliches Leben. Es ist dies wohl der grösste Ausverkauf in der menschlichen Geschichte – die Privatisierung menschlicher Bestandteile, vom Gen bis zum Embryo. Selbst Patente auf menschliche Embryonen sind offenbar kein Tabu mehr, wie eine Recherche von Greenpeace ergab. Doch menschliche Embryonen als patentiertes Monopoleigentum einer Privatfirma? Eine gewiss entsetzliche Vorstellung. Gerade dieser Handelskrieg um menschliche Patente macht überdeutlich, wie sehr menschliche Bestandteile und menschliche Embryonen bereits zu einer industriellen Ressource reduziert worden sind, die manipuliert, geklont und folgerichtig auch patentiert werden können. Diese unglückliche Verheiratung von Gentechnologie und Patenten erschwert zudem jegliche demokratische Kontrolle der Entwicklung.

Mythos Gen

Susan Lindee berichtet, wie der Nobelpreisträger Carry Mullis, heute ein grosses Geschäft mit DNA-Karten aufzieht. Er verkauft Karten, die ein kleines DNA-Schnipsel berühmter Leute enthalten. Ich kann also eine Postkarte mit der DNA von Schwarzenbach oder Monroe oder Bush erwerben und im Hosensack mit mir herumtragen. Das ist eine Art moderner Reliquienhandel – wie die heiligen Knochensplitter von früher. Eine totale Mystifizierung des Gens. Es bringt die berühmten DNA-Spender näher zu Leuten; mit der Bush-DNA im Hosensack fühle ich mich ihm nahe. Es bringt aber auch die Molekularbiologie näher zu den Leuten. Es ist nun fassbar, besitzbar, beherrschbar, herumtragbar geworden, auch wenn ich die DNA auf der Karte nicht sehe. Ich könnte mich zwar fragen, ob ich nun Bush's Gen für seinen notorischen Ehrgeiz oder dasjenige für Plattfüsse mit mir herumtrage, aber das wäre wohl der Fragen zuviel.

Denn der Mythos Gen trägt auch dazu bei, dass mit den Verheissungen kaum rational umgegangen werden kann.

Ein zeigt eine dicke und eine dünne Maus. Dieses Bild lässt niemanden unberührt - da werden grosse Sehnsüchte angerührt. Die Sehnsucht, dass es endlich eine einfachste Methode gibt, schön und schlank zu werden: den Genschalter. Ich sehe hier also nicht einfach zwei Mäuse; ich stelle sofort die Verbindung zu meinen eigenen Wünschen her, ich denke beim Betrachten dieses Bildes an Hans, der doch so gerne abnehmen möchte, oder an mich selber, wie ich in früheren Jahren darunter gelitten hatte, mich zu dick zu finden. Und wie ich dazu angehalten wurde, so schreckliche Korsettähnliche Dinger anzuziehen, damit mein dicker Hintern etwas versteckt werde. Das alles soll nun vorbei sein..

Das Bild vermittelt auch den Eindruck: Wir können es, wir haben's im Griff. Schlankheit ist herstellbar. Und Fettleibigkeit ist ein Einzelfaktor, gentechnisch behebbar, losgelöst von Umwelt, sozialem Umfeld und psychischem Befinden. Das "Fress-Suchts"-Gen hat Jeffrey Friedmann (Rockefeller Universität, New York) bei Mäusen gefunden , und es sei auch bei Menschen vorhanden. In der Zwischenzeit hat sich herausgestellt, dass das Problem der Fettleibigkeit sehr viel komplexer ist, doch solche Bilder bleiben haften.

Den Zusammenhang zwischen Körper, Geist und Seele neu zu beschreiben und zu leben

"In der Alltagssprache reden wir vom Gen für dieses und vom Gen für jenes. Wir merken nun, dass dies nur selten so ist. Die Anzahl Gene, die auf diese Weise funktionieren, können beinahe an den Fingern abgezählt werden, denn wir sind nicht auf diese Weise verkabelt." Der dies sagte, ist nicht irgendeine gegenüber dem Genomprojekt kritische Person, sondern ausgerechnet Craig Venter. Venter und seine Firma Celera Corporation haben einen Grossteil des menschlichen Genoms "entziffert" (und gerieten in negative Schlagzeilen, weil sie mehrere tausende menschliche Gene patentieren will.) Hintergrund dieser doch ziemlich erstaunlichen Aussage ist, dass das menschliche Genom entgegen allen Voraussagen nicht 100'000 oder 150'000 Gene beinhaltet, sondern bloss deren 30'000. Damit liefert das Genomprojekt selber einen starken Beweis dafür, dass der stupende Reduktionismus mit seiner Vorstellung des Erbgut-Fadens als 'Supercomputer' jeder Zelle eine Fiktion ist. Die kleine Zahl von 30'000 Genen belegt erneut: Aus ein und demselben Gen können bis zu 20 verschiedene Proteine entstehen. Und jedes einzelne dieser Eiweisse kann in einer Blutzelle eine andere Aufgabe haben als in einer Leberzelle. Auch das mechanistische Bild des Gens als 'Befehlserteiler' ist falsch. Vielmehr sind Gene mit andern Genen, und diese mit Zellbestandteilen in ständiger Konversation; Gene können auch Befehle erhalten und sich verändern...und Krankheiten werden durch eine Vielzahl von Erbfaktoren, in Wechselwirklung mit der Umwelt und auch mit psychischen Faktoren, verursacht. Das Dogma des genetischen Reduktionismus ist also ausgerechnet durch das Genomprojekt selber widerlegt. Doch es wird weiterleben. Zu gross sind die Verheissungen einfacher Genschalter-Lösungen, zu gross auch die dahinter stehenden wirtschaftlichen Interessen und Patentschlachten. Auch das Konzept der "genetischen Krankheit" – mit all seinen Konsequenzen – wird sich zäh zu halten versuchen.

Ob es uns gelingt, hier tatsächlich den Beginn eines kulturellen Wandels einzuläuten, wird von vielen Faktoren abhängen.

Ein Punkt wird wohl auch sein, dass wir das Verhältnis zu unserm Körper, diese Abgespaltenheit des Körpers von Geist und Seele, neu reflektieren müssen. Dies könnte in Zukunft zu einem wichtigen Thema werden: Den Zusammenhang zwischen Körper, Geist und Seele neu zu beschreiben und zu leben, um ihn dem grenzenlosen Zugriff der gentechnischen Medizin zu entziehen.